Raumfahrt-Industrie fordert vom Staat 100 Millionen zusätzlich

- München - Nicht viele Branchen haben so viel Rückhalt in der Bevölkerung: 82 Prozent der Deutschen sehen die Raumfahrt als wichtig für den Forschungsstandort an. Und 70 Prozent finden, der Staat sollte dafür mehr Geld ausgeben. Das steht im krassen Gegensatz zur Wirklichkeit: Gerade 145 Millionen Euro fließen heuer in nationale Raumfahrtprogramme.

Insgesamt gibt der Bund zwar 706 Millionen Euro für dieses Thema aus. Doch davon gehen 561 Millionen an die europäische Weltraum-Organisation ESA. Im Vergleich: Frankreich gibt für ESA-Programme 685 Millionen Euro aus. Fast die gleiche Summe spendiert Paris für nationale Programme: 674 Millionen Euro. Nun hat dort die Raumfahrt einen besonderen Stellenwert. Doch auch Italien zahlte mit 270 Millionen Euro weniger als die Hälfte des deutschen Beitrags an die ESA. In nationale Programme fließen 170 Millionen.

Mit den entsprechend guten Umfragewerten im Rücken trommelt nun die Deutsche Raumfahrtindustrie für mehr Geld. 100 Millionen Euro sollen es sein, davon 50 Millionen für nationale Programme, fordert der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI). Dann wären die Ausgaben immer noch nicht so hoch wie Anfang der 90er-Jahre, als sie jährlich über 200 Millionen Euro lagen. Die Politik habe die Raumfahrt bisher als Steinbruch benutzt, kritisiert BDLI-Geschäftsführer Hans-Joachim Gante. Die neue Regierung müsse hier aufgeschlossener sein. Auch wenn der BDLI das Thema meidet, hier könnte ein Grund dafür liegen, warum Deutschland beim Satellitennavigationsprojekt Galileo ins Hintertreffen geraten ist. Deutschland ist zwar über Europa Hauptzahler des Systems. Doch beim Rückfluss in nationale Wirtschaftskraft haben Franzosen, Spanier und Italiener wohl ein besseres Geschäft gemacht. "Die EU hat keine Rückflussverpflichtung", sagt Evert Dudok, Chef von EADS-Space-Deutschland. Man müsse sich "national vorbereiten, um den Rückfluss sicherzustellen". Nationale Programme dienen dazu, Hochschulen und Unternehmen fit zu machen für internationale Programme, ergänzt Gante.

Ohne diese verlöre Deutschland die Fähigkeit, international dabei zu sein. Nur wenige Nationen seien bei der Effizienz der Industrie so weit wie Deutschland, sagt Klaus Jürgen Breitkopf, Geschäftsführer des Münchner Raumfahrtunternehmens Kayser-Threde. Aber: "Wir leiden unter der Nicht-Sichtbarkeit auf europäischer Ebene." "Deutschland muss bei Einzelthemen wieder die Führerschaft übernehmen können", fordert er.

Diese Ausgaben würden sich auch für den Staat langfristig lohnen. Man könne mit zahlreichen Anwendungen, die aus der Raumfahrt entwickelt wurden, in die Märkte gehen. Breitkopf nimmt das eigene Unternehmen als Beispiel: Kayser-Threde war einmal ausschließlich in der Raumfahrt aktiv. Doch daraus entwickelten sich neue Arbeitsfelder. Heute komme pro Raumfahrtarbeitsplatz bei dem Münchner Mittelständler ein auf diesem Weg entstandener Industrie-Arbeitsplatz.

Wie mehr öffentliche Gelder zu Wirtschaftswachstum werden könnten, zeigt Breitkopf an einem Beispiel. Der Bund hat ein Erdbeobachtungsprojekt ausgeschrieben. Die beiden Angebote dazu könnten zu unterschiedlichen kommerziellen Anwendungen führen. Beide verdienen es in seinen Augen, weiterverfolgt zu werden. Doch aus Geldmangel muss sich Deutschland für eines entscheiden. Breitkopf fürchtet um die Zukunft: "Wenn die Politik nicht energisch gegensteuert, drohen zum Teil einzigartige Kompetenzen verloren zu gehen."

Deutschlands Geld und Frankreichs Stolz: Bei den Nachbarn wird das Ariane-Programm zuerst als nationales Projekt empfunden.

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