Mit knapp 7858 Punkten erreichte der Dax im Januar den höchsten Wert seit fünf Jahren.

Interview mit Anlageexperte

„Wir rechnen mit einem neuen Dax-Allzeithoch“

München – Der Dax nimmt die magische Marke von 8000 Punkten in Angriff. Ob sich ein Einstieg jetzt noch lohnt und wie man sein Geld gewinnbringend anlegt – dazu sprachen wir mit Chris-Oliver Schickentanz, Chef-Anlageexperte im Privatkundengeschäft der Commerzbank.

Die Mini-Zinsen treffen vor allem die Sparer. Wie können sich Anleger vor der schleichenden Enteignung schützen?

Zunächst müssen sich die Deutschen vom Sparer zum Anleger wandeln. In den letzten 30 Jahren musste sich niemand in Deutschland ernsthaft Gedanken um Inflation machen. Der Grund: Der Zins von risikolosen Anlagen wie etwa Bundesanleihen lag stets über der Inflationsrate. Mit risikolosen Anlagen konnte man also die Kaufkraft erhalten. Das ist heute nicht der Fall. Wer seine Kaufkraft erhalten will, muss auch bereit sein, gewisse Risiken in Kauf zu nehmen.

Konkretes Beispiel: Ein eher risikoscheuer Kunde will 50 000 Euro anlegen. Wie sollte er sein Depot strukturieren?

Wenn wir davon ausgehen, dass der Kunde auf sein Geld die nächsten drei bis fünf Jahre nicht angewiesen ist, sollte er das Vermögen auf jeden Fall auf mehrere Anlageklassen verteilen. Der größte Anteil, etwa 60 Prozent, dürfte bei einem eher konservativen Anleger auf festverzinsliche Anleihen entfallen. Ich denke an eine vernünftige Mischung aus Unternehmens- und Staatsanleihen. Dazu kommen 15 bis 20 Prozent Aktienanteil – vor allem dividendenstarke Titel. Fünf bis zehn Prozent sollten in Rohstoffe fließen. Wichtig: Das Geld sollte nicht in Rohstoffaktien, sondern direkt in Rohstoffen angelegt werden – etwa Edelmetalle wie Gold oder Platin.

Und Immobilien?

Auch wenn einige offene Immobilienfonds in Verruf geraten sind und schließen mussten, halten wir diese Anlageform gerade für Kleinanleger weiterhin für sinnvoll. Er sollte aber auf die Marktführer setzen, die gezeigt haben, dass sie auch Krisen gut bewerkstelligen. Wer dennoch skeptisch gegenüber offenen Immobilienfonds ist, kann alternativ in Immobilienaktien investieren.

Zurück zu unserem Muster-Depot: Mit welcher Gesamtrendite kann der Kunde rechnen?

Nach Abzug der Kosten dürfte die Rendite bei gut drei Prozent liegen.

Damit habe ich gerade mal meine Kaufkraft erhalten.

Das ist richtig. Wer nicht bereit ist, auch etwas höhere Risiken einzugehen, muss sich mit dieser Rendite zufriedengeben.

Die Inflationsrate liegt derzeit bei zwei Prozent. Rechnen Sie mit einem Anstieg?

Für das erste Halbjahr 2013 erwarten wir einen leichten Rückgang bei der Inflation. Insgesamt steigen aber die Risiken. Eine Inflationsrate von 2,0 bis 3,5 Prozent ist durchaus möglich. Verantwortlich ist die Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank.

Sie empfehlen auch konservativen Anlegern einen Aktienanteil von bis zu 20 Prozent. Der Dax hat zuletzt kräftig zugelegt. Wie viel Luft nach oben sehen Sie?

Wir erwarten für 2013 insgesamt einen moderateren Dax-Anstieg als 2012. Nichtsdestotrotz rechnen wir mit einem neuen Allzeithoch. Auch wenn der Dax bereits Höhenluft schnuppert, gibt es noch Luft nach oben.

Lohnt sich jetzt  überhaupt noch der Einstieg?

Konkret sehen wir derzeit noch auf Jahressicht ein Restpotenzial von etwa acht Prozent. Ich persönlich halte diesen Ausblick für lukrativ genug, um noch einzusteigen.

Anleger müssen aber auch mit Rückschlägen rechnen.

Mein ideales Drehbuch für den Dax sieht folgendermaßen aus: Bis Sommer rechne ich mit deutlich steigenden Kursen – eventuell auch über 8500 Punkte hinaus. Im zweiten Halbjahr nehmen die Schwankungen wieder zu – also auch Ausschläge nach unten. Der Anleger muss sich bewusst sein: Aktien sind Risikopapiere.

Wie schätzen Sie die Aktien-Entwicklung im Euroraum und in den USA ein?

US-Aktien sind derzeit nicht mehr so lukrativ wie früher. Europa hat dagegen Nachholbedarf. Wir gehen davon aus, dass die Schuldenkrise weiter abebbt – zumindest nicht mehr so stark die Kurse bestimmt. Europa wird bis Sommer aus der Rezession herauskommen. Hier gibt es also deutliche Wachstumsimpulse.

Viele Anleger sind durch die Krise vorsichtig geworden und flüchten in Immobilien – droht in Deutschland eine Blase?

Die Bundesbank sieht langfristig die Gefahr einer Immobilienblase. Betrachtet man die Preisentwicklung im Bundesdurchschnitt sind wir von einer Blase noch ein gutes Stück entfernt. In Metropolen wie München gab es in Spitzenlagen zuletzt aber Preissprünge von bis zu 20 Prozent. Da ist Vorsicht geboten.

Was heißt das für einen Immobilienkäufer in München und Umgebung?

Käufer sollten auf jeden Fall genau hinschauen, ob die Immobilie den Preis rechtfertigt. Gerade bei Spitzenlagen habe ich durchaus Bedenken. Viele B- und C-Lagen sind lukrativer als Toplagen.

Auch Rohstoffe gelten als sicherer Hafen – allen voran Gold.

Wir waren stets Gold-Optimisten. Wir gehen aber auch davon aus, dass der Goldpreis nicht mehr wesentlich anzieht. Wer jetzt Gold kauft, sollte nicht aus Renditegründen investieren, sondern um sein Risiko zu streuen. Mehr als fünf bis zehn Prozent der Anlage sollten nicht in Gold fließen.

Sie empfehlen auch Unternehmensanleihen für das Depot. Worauf müssen Anleger achten?

Grundsätzlich sollten Anleger bei einer Anleihe nicht nur auf den Coupon, sondern auch auf den Kurs der Anleihe achten. Beides muss für die Rendite berücksichtigt werden. Für den Privatanleger ist es heute allerdings äußerst schwierig, die richtige Anleihe auszuwählen. Früher konnte man einfach auf ein Dax-Schwergewicht mit guter Bonität setzen. Diese Unternehmen bieten heute kaum interessante Renditen.

Dafür tummeln sich auf dem Markt auch viele schwarze Schafe, die mit hohen Renditen werben.

Wir raten daher, bei Interesse sich von der Bank Unternehmensanleihen empfehlen zu lassen. Die Alternative ist ein gemanagter Fonds mit Unternehmensanleihen.

Interview: Steffen Habit

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