Reform der Erbschaftsteuer: Hausbesitzer müssen schnell rechnen

- Das Erbschaft- und Schenkungsteuerrecht soll reformiert werden, und das noch in diesem Jahr. Die Bundesregierung preist ihre Pläne als Vorteil für die Bürger an. Experten mahnen aber zur Vorsicht. Die Freibeträge sollen zwar erhöht werden ­ doch häufig zahlen Beschenkte und Erben dennoch drauf.

Im Parlament streiten die Fraktionen derzeit noch über die Details. Doch grundlegend hat das Bundeskabinett die Reform bereits beschlossen. Derzeit wird mit einer Verabschiedung der Gesetzesreform bis zum Sommer gerechnet. Ursprünglich sollten die Neuerungen schon am 1. April in Kraft treten. Keine Entlastung bei höheren Summen

Zu schnellem Handeln wird deshalb vor allem geraten, wenn ein Haus übertragen werden soll. Und genaues Rechnen ist erforderlich, weil jeder Fall anders ist. "Der Teufel steckt im Detail", sagt Klaus Michael Groll, Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht in München. "Durch die Reform kommt es zu erheblichen Verschlechterungen." Das Argument, dass es im engsten Familienkreis zu einer starken Entlastung komme, gelte nur für kleinere Summen. Und für Nichten und Neffen beispielsweise erhöhen sich zwar die Freibeträge der Steuersatz für die Summe oberhalb der Freigrenze soll allerdings vom ersten Euro an viel höher sein als bislang.

"Überprüfen Sie in einem ersten Schritt die Zusammensetzung des Vermögens, das übertragen werden soll", rät Jan Bittler von der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV). Pauschal gelte: Ein immobilienlastiges Vermögen sollte möglicherweise besser vor der Reform übertragen werden. Denn hier ändert sich die Grundlage der Besteuerung und führt zu großen Steuersprüngen. Das Übertragen geringer Kapitalvermögen hat unter Umständen keine Eile.

Auch der Bund der Steuerzahler in Berlin rät zu schneller Prüfung. "Stellt sich heraus, dass das alte Recht günstiger ist, sollte sich der Steuerzahler mit der Schenkung beeilen", sagt Steuerreferentin Anita Käding. Die Reform bringt auf den ersten Blick zwar Vorteile für nahe Familienangehörige, denn ihre Freibeträge werden deutlich erhöht. "Allerdings kann man auch nicht sagen, dass das in jedem Fall gilt." Nachvollziehen lässt sich das an einem Beispiel:

Kinder schneiden oft schlechter ab

"Wenn ich einem Kind mit Steuerklasse I eine Immobilie im Wert von 600 000 Euro vererben will, werden bisher durchschnittlich 50 Prozent des Verkaufswertes der Besteuerung zugrunde gelegt", erläutert Groll. Die Bemessungsgrundlage sind also 300 000 Euro. Abzüglich des derzeit geltenden Freibetrags von 205 000 Euro für eine Schenkung an Kinder müssen 95 000 Euro mit 11 Prozent versteuert werden. "Das Kind zahlt also 10 450 Euro Steuern."

Nach der geplanten Reform stellt sich die Situation trotz höherer Freibeträge anders dar: Die 600 000 Euro Verkaufswert der Immobilie entsprechen künftig dem Steuerwert. Abzüglich des erhöhten Freibetrags von dann 400 000 Euro müssen 200 000 Euro versteuert werden, rechnet Groll vor. Bei 11 Prozent ergibt das eine Steuerlast von 22 000 Euro ­ also fast das Doppelte. Also schneiden Kinder häufig schlechter ab als bislang.

Deshalb sieht auch Jan Bittler die Reformpläne skeptisch. "Nachteile entstehen besonders bei den weiter entfernten Verwandten ­ also Geschwistern, Nichten und Neffen." Zwar sollen auch für sie die Steuerfreibeträge leicht erhöht werden ­ auf dann 20 000 Euro pro Person. "Jeden Euro darüber hinaus müssen sie aber mit mindestens 30 Prozent versteuern", erklärt Bittler. Bislang werden für eine Immobilie im Wert von 600 000 Euro Steuern in Höhe von 22 Prozent fällig.

Nachvollziehbar wird der Nachteil an einem weiteren Beispiel: Statt des Kindes soll die Nichte mit Steuerklasse II eine Immobilie im Wert von 600 000 Euro vererbt bekommen. Die durchschnittliche Bemessungsgrundlage sind auch in diesem Fall wieder 50 Prozent, also 300 000 Euro, erläutert Groll. Abzüglich des noch geltenden Freibetrags von 10 300 Euro bleiben 289 700 Euro übrig. Davon müssen 22 Prozent an den Fiskus abgetreten werden ­ das wären 63 734 Euro.

Nach der geplanten Neuerung liegt der Freibetrag zwar bei 20 000 Euro. Da aber die vollen 600 000 Euro angesetzt werden müssen ­ und die Bemessungsgrundlage abzüglich des Freibetrags also bei 580 000 Euro liegt, die mit 30 Prozent versteuert werden ­, muss die Nichte dann 174 000 Euro Steuern abführen. "Wer kann das in bar hinlegen?", fragt Groll. Auswirkungen auf den Immobilienmarkt

Er rechnet damit, dass wegen der Reform zahlreiche Häuser verkauft werden müssen ­ und das werde erhebliche Auswirkungen auf den Immobilienmarkt haben.

Trotz solcher Szenarien sollten sich alle, die etwas zu verschenken haben, ihren Schritt genau überlegen. "Ich rate dringend davon ab, allein aus steuerrechtlichen Gründen jetzt eine Immobilie zu übertragen", sagt Bittler. Denn das Vermögen werde häufig für die eigene Altersabsicherung benötigt.

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