Das müssen Sie wissen

Die Reform der Lebensversicherung

München - Die Lebensversicherung ist das liebste Anlageprodukt der Deutschen. Es gibt mehr Policen als Einwohner. Für Kunden, aber auch die Branche wird sich künftig einiges ändern. Nach langen Verhandlungen hat das Kabinett neue Regeln für Lebensversicherungen beschlossen.

Lange wurde in den vergangenen Monaten verhandelt und gestritten. Gestern hat nun die Bundesregierung das Reformpaket zur Stabilisierung der Lebensversicherer auf den Weg gebracht – mit weitreichenden Folgen für Kunden und die Branche. Unter anderem werden die Garantiezinsen für Neuverträge deutlich gesenkt. Aber auch Alt-Kunden müssen mit Einbußen rechnen, wenn ihr Vertrag ausläuft.

Hintergrund der Reformen ist die anhaltende Niedrigzinsphase. Etliche Versicherer haben Probleme, bei den sinkenden Erträgen aus ihren Kapitalanlagen frühere Zusagen an Kunden einzuhalten und versprochene Renditen zu erwirtschaften. Erklärtes Ziel der Politik ist es deshalb, mit den Reformen den Lebensversicherern unter die Arme zu greifen, gleichzeitig aber die Verbraucher zu schützen. Die Branche soll „generationengerecht im Interesse der Versichertengemeinschaft“ stabilisiert werden, teilte das Bundesfinanzministerium mit. Zufrieden ist mit den Reformen allerdings niemand – weder Verbraucherschützer noch die Versicherungsbranche.

Eckpunkte des Reformpakets

Das Reformpaket sieht grundsätzlich von allen Akteuren der Branche einen Beitrag vor – sowohl von Unternehmen und Vertriebsleuten als auch von Verbrauchern und Aktionären.

-Garantiezins: Er soll zum 1. Januar 2015 für Neuverträge von 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent sinken. Mit einem hohen Garantiezins von einst bis zu vier Prozent hatten Anbieter in der Vergangenheit Kunden für das Altersvorsorge-Produkt gelockt. Der Gesetzgeber zieht nun eine neue Obergrenze dafür ein, was Unternehmen ihren Kunden künftig maximal zusagen können. Die übrigen Kunden sollen geschützt werden. Lebensversicherungen verlieren damit aber weiter an Attraktivität.

-Stille Reserven: Die sogenannten „Bewertungsreserven“ bei festverzinslichen Papieren sollen zwischen auslaufenden und bestehenden Verträgen fairer verteilt werden. Bei Kündigung oder regulärem Ablauf müssen Kunden bisher zur Hälfte an diesen Reserven beteiligt werden. Das betrifft im Jahr etwa 6,6 Millionen Verträge. Künftig darf dieser Teil der Reserven nur noch in dem Maße ausgeschüttet werden, in dem Garantiezusagen für die restlichen Versicherten auch sicher sind.

Ausscheidende Kunden müssen – je nach Versicherungssumme – teils auf mehrere tausend Euro verzichten. Kann ein Versicherer alle Zusagen bedienen, würde auch ausgeschüttet. Steigen die Kapitalmarktzinsen wieder, entfällt die geplante Begrenzung. Etwa zwei Milliarden der drei Milliarden Euro, die Kunden aus der Ausschüttung im vergangenen Jahr zugeflossen sind, stammen aus festverzinslichen Wertpapieren.

Die Beteiligung an Bewertungsreserven aus Immobilien und Aktien bleibt unverändert. Unberührt bleiben Garantieverzinsung und Überschussbeteiligung einschließlich der Schlussüberschüsse.

-Risikogewinne: Daran sollen Kunden künftig stärker beteiligt werden. Dafür soll der „Mindestbeteiligungssatz“ von 75 auf 90 Prozent steigen.

-Kosten: Unternehmen sollen ihre Abschlusskosten bei Policen senken. Diese dürfen künftig zu einem geringeren Teil an Versicherte weitergereicht werden. Bei Vertragsabschluss sollen zudem Provisionen offen gelegt werden.

-Ausschüttungssperre: Ist die Leistungsfähigkeit eines Versicherers gefährdet, kann die Dividendenzahlung an Aktionäre entfallen.

Kritik von allen Seiten

Für Neukunden sinkt also der Garantiezins, Alt-Kunden müssen mit Einbußen rechnen, wenn ihr Vertrag bald ausläuft. „Von den Änderungen sind nahezu alle Kunden betroffen“, kritisiert Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Sofort spürbar sind die Auswirkungen besonders bei jenen Kunden, deren Lebensversicherung in Kürze fällig wird.“ Diese müssten damit rechnen, dass sich ihre Auszahlungssumme deutlich reduziert. „Die Bewertungsreserven können bei einer Auszahlung über 50 000 Euro durchaus bei 2000 bis 4000 Euro liegen“, erklärt der Finanzexperte.

Ob es sich lohnt, sofort aus dem Vertrag auszusteigen oder nicht, hängt vom Einzelfall ab. „In unserer Beratungspraxis haben wir die unterschiedlichsten Fallkonstellationen gesehen“, erläutert Nauhauser. „In einigen Fällen lohnt sich eine Kündigung, weil die Kunden heute mehr herausbekommen würden als bei Vertragsablauf.“ In anderen Fällen lohne sich die Kündigung nicht. Kunden sollten daher bei ihrem Versicherer die Höhe der Bewertungsreserven für festverzinsliche Wertpapiere erfragen. Dann wissen sie, um wie viel Geld es für sie geht. „Viel Zeit bleibt aber nicht“, sagt Nauhauser. Denn das Gesetz soll noch in diesem Sommer beschlossen werden.

Nicht nur Verbraucherschützer, auch die Versicherungsbranche lehnt wesentliche Teile der Reform ab – allerdings andere. Die neue Regelung zur Beteiligung an den Bewertungsreserven begrüßt der Branchenverband GDV ausdrücklich. Es sei aber technisch unmöglich, die im Entwurf vorgesehenen Senkung des Garantiezinses bis 2015 umzusetzen, so der Verband. Das sei frühestens 2016 möglich. Kritisch sieht der GDV auch die geplante Ausschüttungssperre, die höhere Beteiligung am Risikoüberschuss sowie die Offenlegung der Abschlussprovisionen.

Lebensversicherung als Auslaufmodell?

Bleibt die zentrale Frage: Lohnt sich im Hinblick auf den sinkenden Garantiezins der Abschluss einer Lebensversicherung überhaupt noch? „Ein ganz klares Nein“, antwortet Nauhauser. Verlassen könne man sich allenfalls auf den Garantiezins, nicht auf die in Aussicht gestellte Gesamtverzinsung der Versicherer. Dazu komme nun auch noch der Wegfall der Beteiligung an den Bewertungsreserven. „Sie können sich hier nur auf die üblichen hohen Kosten verlassen, der Rest ist ungewiss.“ Deshalb rät der Verbraucherschützer zu Alternativen: Sichere Anlagen wie Festgeld, Sparbriefe oder Banksparpläne für die Altersvorsorge – oder eine beschleunigte Tilgung des Immobilienkredits. Wer die Nerven dazu hat, sollte auf breit gestreute Aktienindexfonds setzen, weil hier auf lange Sicht höhere Erträge erzielbar sind.

Die Lebensversicherung als Auslaufmodell? Die Branche sieht das anders – so etwa die Allianz, Marktführer in Deutschland bei Lebensversicherungen. „Entscheidend für unsere Kunden ist die tatsächliche Gesamtverzinsung ihrer Lebensversicherung“, erklärt Alf Neumann, Vorstand von Allianz Leben. Die Senkung des Rechnungszinses ändere an der Attraktivität der Lebensversicherung nichts.

von André Stahl und Manuela Dollinger

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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