Regulierung könnte kleinen E-Werken das Kreuz brechen

- München - Plötzlich ist der Strom weg. Was tun? Anruf beim Versorger. Warteschleife, Automatenstimme, die Aufforderung, Nummern einzutippen. Und hat man dann wirklich einen Menschen aus Fleisch und Blut in der Leitung, will der zuerst die Postleitzahl wissen, damit er sich selbst informieren kann. Vielleicht ruft er sogar zurück. Es kann aber auch anders gehen: Der Kunde ruft an, hat einen Mitarbeiter oder gar den Geschäftsführer des örtlichen Versorgers an der Leitung. Und der sagt dem Kunden, was der vor allem wissen will: Wann die Störung behoben sein wird.

In dieser Rolle sehen sich die kleinen Elektrizitätswerke, was ihnen eine Emnid-Umfrage bestätigte. Gute Noten gab es für Erreichbarkeit, Freundlichkeit, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit. Dabei führen die - allein in Bayern - 124 kommunalen, 72 privaten und 28 weiteren Versorger, die eine Mischung aus beidem darstellen, noch ganz andere Vorteile für sich ins Feld: hohe Versorgungssicherheit, lokale Verankerung und Engagement im Umweltschutz.

Ausgerechnet Gesetze, die Vielfalt und Wettbewerb fördern sollen, sorgen nun dafür, dass dieser in Bayern gewachsenen Vielfalt der Boden entzogen wird. Das Energiewirtschaftsgesetz vom Juli 2005 sollte die Preisbildung der Netzentgelte regulieren, um den Wettbewerb anzukurbeln. Dabei kommen möglicherweise aber die kleinen Versorger mit fünf bis 25 Beschäftigten unter die Räder. Sie werden mit den regionalen Großunternehmen über einen Kamm geschoren. RWE oder Eon beschäftigen ganze Abteilungen.

Worüber die Großen bereits klagen, zehrt bei den Kleinen massiv an der dünnen Personaldecke: die Beschaffung teurer Software, doppelte Bilanzen, Dokumentation und Veröffentlichung von Strukturdaten, Prognosen, Kalkulationen . . . Das alles bindet viel wertvolle Arbeitszeit, die kleinen Versorgern dann für ihre eigentliche Aufgabe fehlt. Dem Ziel, die Netzentgelte zu senken, so kritisieren sie, wird ein immenser Verwaltungsaufwand entgegengesetzt, der besonders die kleinen Versorgungsbetriebe überdurchschnittlich belastet und - weil sie diesen das Kreuz brechen könnte - am Ende weniger Vielfalt zur Folge hat. "Die kleinen und die Mittelstandsunternehmen können diesen Wettbewerb nur verlieren", fürchtet Ewald Geis, Werkleiter in Bad Neustadt an der Saale, und zwar "aufgrund der Bürokratie".

"Eine winzige Klausel kann uns in die Insolvenz treiben."

Fritz Schweiger, E-Werk Schweiger

Doch nicht nur der Aufwand ist für die Kleinen gefährlich hoch. In ihren Netzentgelten werden traditionell auch Mittel einkalkuliert, die dazu dienen, Anlagen in der Zukunft zu erneuern. Das aber akzeptieren die Regulierer nicht in der notwendigen Höhe. "Dadurch wird die für den Mittelstand überlebenswichtige Eigenkapitalbasis deutlich geschmälert", sagt Fritz Schweiger vom privaten Elektrizitätswerk Schweiger, das seit 1905 die Gemeinde Oberding (Kreis Erding) mit Elektrizität versorgt. Damit werde der Aufbau der flüssigen Mittel zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit unmöglich gemacht. Die Folgen sind laut Schweiger verheerend: "Eine winzige Klausel, die uns schnell in die Insolvenz treiben kann."

Doch nicht nur die Versorger sind betroffen von einzelnen behördlichen Maßnahmen: Baukostenzuschüsse, wie sie Bauherren bisher an die Versorger zahlen mussten, werden gestrichen. Die Kosten müssen auf den Strompreis umgelegt werden. Kunden, die bereits Zuschüsse gezahlt haben, werden, so die Versorger, doppelt belastet, einmal über den Zuschuss, dann über die umgelegten Kosten.

Dabei haben die betroffenen kleinen Versorger durchaus Verständnis für die schwierigen Aufgaben der Netzagentur. Wolfgang Weber, Geschäftsführer der Gemeindewerke Haar, wünscht sich aber, dass "man dabei mit einem vernünftigen Augenmaß vorgehen würde".

Andere halten die hohen Anforderungen der Netzagentur gar für rechtswidrig. Das würde den Weg vor Gericht eröffnen. Darin sehen die in ihrer Existenz bedrohten örtlichen Versorger kaum Sinn. Denn möglicherweise bekämen sie am Ende eines voraussichtlich rund zehnjährigen Instanzenweges Recht, können dieses Recht aber nicht mehr nutzen, weil es sie dann gar nicht mehr gibt.

Engagement für die Umwelt: Kleine Wasserkraftwerke wie hier das des Elektrizitätswerks Schweiger.

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