Im Betrieb

Künftiger DGB-Chef: "Ältere brauchen Perspektiven"

Der Deutsche Gewerkschaftsbund bekommt nach 12 Jahren einen neuen Vorsitzenden: Reiner Hoffmann. Wir sprachen mit dem künftigen Mann an der Gewerkschaftsspitze über Deregulierung am Arbeitsmarkt und Gemeinsamkeiten mit der Kanzlerin.

Sie sind das neue Gesicht der deutschen Gewerkschaften. Wie werden sich mit Ihnen die Inhalte verändern?

Ich glaube nicht, dass das an Personen festzumachen ist. Es geht um Inhalte, die die Gewerkschaften verabredet haben. Wir haben uns vor der Bundestagswahl vergangenen Herbst vier Schwerpunkte gesetzt: eine neue Ordnung auf dem Arbeitsmarkt, sichere Renten, ein soziales Europa und einen handlungsfähigen Staat. Das alles ist nicht abhängig von einem neuen Gesicht.

Was erwarten Sie von der neuen Regierung?

Wir haben mit dem Regierungswechsel die Chance, dass Fehlentwicklungen der letzten Jahre korrigiert werden, vor allem in der Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik. Hier haben wir bei der Regierung teilweise Gehör gefunden. Enttäuschend ist aber, was zu Europa vereinbart wurde. Das ist sehr dünn. Und weil man beschlossen hat, in den nächsten vier Jahren am Steuersystem nichts zu ändern, wird es schwierig, beim handlungsfähigen Staat weiterzukommen.

Ihr Vorgänger, Michael Sommer, war unter einer SPD geführten Regierung mit der Agenda 2010 konfrontiert. Ist das Thema für Sie vom Tisch?

Es gab auch manches, was von den Gewerkschaften mitgetragen wurde, wie die Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe, sowie der Ausbau der Ganztagsschulen. Fatal war aber die weitgehende Deregulierung auf dem Arbeitsmarkt. Die Folge war eine beachtliche Ausweitung des Niedriglohnsektors. Es passt nicht zu einem der reichsten Länder auf dem Globus, dass ein Fünftel der Bevölkerung von seinem Arbeitseinkommen keine vierköpfige Familie ernähren kann.

Hilft hier der Mindestlohn?

Er wird eine wichtige Stellschraube sein. Aber er allein wird das Problem nicht lösen. Doch die Koalition hat Maßnahmen vereinbart, die Tarifautonomie zu stärken. Es gibt zunehmend Arbeitgeber, die sich aus ihrer sozialen Verantwortung verabschieden und nicht mehr tarifgebunden sind. Entscheidend ist, dass wir hier mit dem Instrument der Allgemeinverbindlichkeit entgegenwirken.

Mindestlohn, Allgemeinverbindlichkeit – ist das nicht ein Zeichen von Schwäche? Haben Sie nicht mehr die Macht, Ihre Vorstellungen in Tarifverhandlungen durchzusetzen?

Da muss man differenzieren. In einigen Branchen – zum Beispiel Automobil, Pharma oder Chemie – haben wir wenig bis keine Probleme. Da fangen die untersten Entgeltgruppen bei 14 Euro an. Da brauchen wir keinen Mindestlohn. Aber gerade im Osten der Republik gibt es weiße Flecken in der Tariflandschaft. Das liegt nicht an schwachen Gewerkschaften, sondern an der mangelnden sozialen Verantwortung von Unternehmen.

Aber Sie haben auch Mitglieder verloren.

Wir wollen gar nicht bestreiten, dass wir in den letzten 20 Jahren Mitglieder verloren haben. Seit drei Jahren sehen wir eine Trendwende. Fünf von acht DGB-Gewerkschaften hatten 2013 eine positive Mitgliederentwicklung. Wichtig ist auch, sich anzugucken, warum wir Mitglieder verloren haben: In der chemischen Industrie sind von 670 000 Arbeitsplätzen noch 550 000 übrig. In der Bauwirtschaft haben wir eine Halbierung der Beschäftigtenzahl. Im Steinkohlebergbau wird das letzte Bergwerk 2018 geschlossen. Hier hatten wir Organisationsgrade von über 90 Prozent. So kommt es zu Mitgliederverlusten, die wir nicht kompensieren können.

Es gibt ja Branchen, in denen neue Jobs entstehen – etwa die Autoindustrie.

Das sind auch Branchen, in denen wir als Gewerkschaften nicht den Gesetzgeber brauchen – außer etwa beim Kampf gegen den Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen. Hier brauchen die Betriebsräte nicht nur Informations-, sondern Mitbestimmungsrechte.

Wo beginnt da für Sie der Missbrauch?

Leiharbeit ist ein Instrument, um kurzfristige Schwankungen auszugleichen. Das stellen wir nicht infrage. Wenn ein Unternehmen daraus aber ein Geschäftsmodell macht und einen Anteil von mehr als 20 Prozent solcher Arbeitnehmer hat, die dauerhaft im Betrieb integriert sind und nicht nach Tarif bezahlt werden, dann ist das eine Form von Tarifflucht.

Früher sagte der DGB: Leiharbeit sei Menschenhandel. Haben sie inzwischen Frieden damit gemacht. 

Gewerkschaften sind lernende Organisationen. Nicht nur bei der Leiharbeit. Wir hatten auch Vorurteile gegenüber Teilzeitarbeit. Heute ist unsere Sicht differenzierter. Eines bleibt: Wenn diese Instrumente – auch Werkverträge – missbraucht werden, braucht man sich über unsere Ablehnung nicht wundern.

Inzwischen werden ja mit Werkverträgen ganze Produktionsanlagen organisiert, praktisch ohne eigenes Personal – etwa im VW-Konzern, mit seiner mächtigen Arbeitnehmervertretung.

Ich habe kein Verständnis dafür, dass Arbeitgeber solche Instrumente missbräuchlich anwenden. Das passt nicht zu einer Sozialen Marktwirtschaft und geht zurück in die Zeiten des Frühkapitalismus, wo man Menschen gnadenlos ausgebeutet hat.

Die Bundeskanzlerin sagt, alle Flexibilisierungsinstrumente seien missbraucht worden. Das ist doch Ihre Position.

Ich möchte in diesem Punkt der Kanzlerin nicht widersprechen und es stimmt zweifellos, dass viele Instrumente missbraucht worden sind. Zu einer neuen Ordnung der Arbeit gehört auch, dass sie künftig durchaus flexibler gestaltet wird, ohne dem Missbrauch Tür und Tor zu öffnen. Denn die Präferenzen – auch der Arbeitnehmer – haben sich geändert. Dem müssen wir uns stellen.

Sie haben neben höheren Löhnen in der Vergangenheit auch kürzere Arbeitszeiten und mehr Urlaub durchgesetzt. Davon hört man nichts mehr. Dabei arbeiten viele Menschen inzwischen wieder mehr als 40 Stunden pro Woche. 

Wir haben Tarife mit 35 bis 38 Stunden in der Woche. Doch ich kann mir vorstellen, dass die Tarifpartner da viel beweglicher werden: Wir müssen Arbeitszeit stärker als Lebensarbeitszeit wahrnehmen. Dazu gehören Zeitkontingente für Weiterbildung und Qualifizierung, eine mögliche berufliche Auszeit, um Familie und Beruf in Einklang bringen zu können oder auch für die Pflege von Angehörigen. Wir haben viele Tarifverträge mit Jahresarbeitszeitkonten. Die geben schon eine größere Flexibilität.

Zur Lebensarbeitszeit gehört auch die Frage des Rentenalters.

Auch hier müssen wir den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden – mit einem gleitenden Übergang aus der Erwerbsphase ins Rentenalter. Wer jahrzehntelang Wechselschicht hinter sich hat, kann oft mit 55 oder 57 schon nicht mehr. Diesen Menschen kann ich nicht sagen: Wenn Ihr es nicht bis 67 schafft, geht ihr prompt in die Altersarmut. Die Vier-Tage-Woche für ältere Arbeitnehmer könnte helfen, weil sie die Belastung um ein Fünftel reduziert. Wenn Menschen länger arbeiten sollen, brauchen wir solche Formen der Flexibilität. In diesem Punkt sind gerade auch die Arbeitgeber gefordert, Beschäftigte nicht einfach mit Anfang 60 auf das Abstellgleis zu stellen, sondern ihnen Perspektiven im Betrieb zu bieten.

Viele können sich die Vier-Tage-Woche aber nicht leisten.

Deshalb treten wir für die Teilrente ein, mit der es leichter wird, die Arbeitszeit im Alter ohne Einkommensverlust zu reduzieren. Man arbeitet kürzer und bekommt für die gekürzte Arbeitszeit anteilig Rente. Betroffene zahlen dann ja auch länger in die Sozialkassen ein. Die verbleibende Lücke kann durch tarifliche Regelungen geschlossen werden. Es soll durchaus möglich sein, dass länger gearbeitet wird, wenn die Menschen es wollen. Arbeit ist ja nicht nur Mühsal und Leid, sondern auch identitätsstiftend.

Sie sprechen viel von Flexibilität. Das ist auch ein Lieblingswort der Arbeitgeberverbände. Da könnten Sie sich doch ganz schnell einigen?

Das wird ganz schwierig mit den Arbeitgebern, die Flexibilität nur nach ihren Vorstellungen zulassen wollen. Wenn eine junge Familie Kinder bekommt und beide Elternteile ihre Arbeitszeit für eine Weile reduzieren wollen, werden sie beim Arbeitgeber nicht auf Begeisterung stoßen. Flexibilität darf aber keine Einbahnstraße sein. Die Gewerkschaften waren immer bereit, sich Veränderungen anzupassen, aber wir erwarten dasselbe von den Arbeitgebern.

Interview: Martin Prem

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