Rekord: Benzinpreis steigt auf 1,60 Euro je Liter

Hamburg/New York/London - Kraftstoff ist in Deutschland so teuer wie nie zuvor. Nach zwei Preisrunden am Donnerstag und Freitag stiegen die Benzin- und Dieselpreise zum Wochenende auf neue Rekordstände.

Nach Angaben aus der Mineralölwirtschaft kostete ein Liter Benzin durchschnittlich 1,60 Euro, Diesel 1,56 Euro. Das sind beim Benzin zwei und beim Diesel drei Cent mehr als am vergangenen Freitag. Angesichts der hohen Spritpreise warnten Verbände der Transportbranche vor dem Verlust Zehntausender Jobs. Wirtschaftsforscher riefen zum sparsamen Umgang mit Energie auf.

Als Ursache für den Benzinpreisrekord nannte die Mineralölwirtschaft den Höhenflug der Notierungen für Rohöl und Ölprodukte auf den Weltmärkten. Nach Einschätzung der Commerzbank ist der Anstieg des Ölpreises auf die 150-Dollar-Marke "reine Formsache und nur eine Frage von wenigen Wochen oder sogar Tagen".

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) sieht 30 000 von 600 000 Stellen in Gefahr. Im Taxigewerbe sind nach Einschätzung des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes 50 000 von 200 000 Stellen bedroht, in Busunternehmen könnte es nach Darstellung des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) jede zehnten von rund 100 000 Arbeitsplätzen treffen. Mit diesen Angaben bestätigten die Verbände eine Umfrage der "Bild"-Zeitung (Freitag).

"Das ist ein Riesenproblem", sagte der stellvertretende BGL- Hauptgeschäftsführer, Adolf Zobel, in Frankfurt der Deutschen Presse- Agentur dpa zu den hohen Spritpreisen. "Nur die Unternehmen haben eine Chance, die die hohen Kosten an ihre Kunden weitergeben können." In der Branche gebe es viele kleine und mittelgroße Unternehmen, denen dazu die Marktmacht fehle. In dieser Situation würde die von der Bundesregierung geplante Anhebung der Lkw-Maut das Fass zum Überlaufen bringen. "Das ist ein Existenzvernichtungsprogramm für das Transportgewerbe."

BDO-Sprecher Martin Kaßler sagte der dpa in Berlin, Busunternehmen könnten ihre Preise wegen langfristiger Verträge im öffentlichen Personennahverkehr nicht von heute auf morgen anheben. Die Betriebe hätten ohnehin mit Einnahmeverlusten von bis zu 30 Prozent aufgrund rückläufiger Schülerzahlen zu kämpfen. "Wenn man jetzt noch sparen will, um zu überleben, geht das nur über den Abbau von Arbeitsplätzen." Der BDO vertritt rund 3000 private Busunternehmer in Deutschland.

Der Deutsche Taxi- und Mietwagenverband sieht vor allem Arbeitsplätze von Teilzeitbeschäftigten in Gefahr. "Insbesondere sie werden zunächst leiden", sagte Geschäftsführer Thomas Grätz in Frankfurt der dpa. "Ich denke, die Hälfte bis 60 Prozent davon werden Teilzeitbeschäftigte sein." Nach Verbandsangaben sind in Deutschland 40 Prozent aller Taxifahrer in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt. Zudem sei mit Preiserhöhungen von bis zu fünf Prozent zu rechnen. Ein Problem sei, dass Preise für Taxifahren behördlich festgesetzt sind. Es dauere daher bis zu sechs Monate, bis höhere Preise durchgesetzt seien, erklärte Grätz. "Das kann für viele schon zu spät sein."

Für den Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV) ist die künftige Entwicklung hingegen vor allem von der Weltwirtschaft abhängig. "Wenn die Weltkonjunktur nicht einbricht, sondern es auch weiterhin Wachstum gibt, dann sind die Auswirkungen auch weiterhin verkraftbar", erklärte DSLV-Hauptgeschäftsführer Heiner Rogge in Bonn. Die Entwicklung der Spritpreise sei nicht seriös vorhersehbar, daher seien auch Spekulationen über die Beschäftigung wenig seriös.

An den internationalen Ölmärkten legte die Rekordjagd bei den Preisen unterdessen zunächst eine Pause ein. Nachdem Rohöl an den Handelstagen zuvor neue Preishöchststände aufgestellt hatte, gaben die Notierungen am Freitag im Handelsverlauf leicht nach. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) US-Rohöl sank um 0,72 Dollar zum Vortagsschluss auf 144,57 Dollar, der Barrel-Preis für das Nordseeöl Brent lag am späten Nachmittag bei 145,20 Dollar, 0,88 Dollar weniger als am Vortag. Dafür kletterte der Preis für Rohöl der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) nach Berechnungen des OPEC- Sekretariats am Donnerstag erstmals über 140 Dollar.

Angesichts der hohen Preise sei Energiesparen die wichtigste Maßnahme, die man treffen könne, sagte Rohstoffexperte Gernot Klepper vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) der "Landeszeitung Lüneburg" (Freitag). Es bedürfe aber des Bewusstseins der Verbraucher und entsprechender Regulierungen und staatlicher Unterstützung.

"Wir müssen effizienter mit Energie umgehen, stärker auf alternative Energien setzen und dafür sorgen, dass die Verbraucher diese auch nutzen können", sagte Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse" (Freitag). Sie gehört zu der Expertengruppe, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die Entwicklung der Energiepreise untersuchen soll. Erste Ergebnisse des Gremiums sollen laut Kemfert im September vorliegen.

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