Rekord-Ölpreis schürt Konjunktursorgen - Anleger suchen Zuflucht

New York/Hamburg - Mit einer fulminanten Rekordjagd hat der Ölpreis gleich zum Jahresauftakt den Ton an den Weltmärkten klar vorgegeben. Der historische Höchststand von 100 Dollar je Barrel (159 Liter) schickte Aktienkurse vielerorts auf Talfahrt.

Konjunktursorgen flammten neu auf. In den USA standen sofort die Schreckgespenster Rezession und Inflation im Raum. Aus Angst suchen Anleger nun sichere Häfen: Gold kostet mit rund 865 Dollar je Feinunze (31 Gramm) mehr als je zuvor und hat damit eine 28 Jahre alte Rekordmarke durchbrochen.

Einen weiteren Höhenflug des Ölpreises halten Experten für gut möglich. 150 Dollar seien im Laufe der nächsten Jahre "überhaupt nicht absurd", sagt Rohölexperte Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft (IfW). Einen Gutteil der Preisexplosion schieben Fachleute Spekulanten in die Schuhe. "Grundsätzlich hat sich nichts geändert: Es gibt ein ausreichendes Angebot für die Nachfrage nach Rohöl", betont die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes MWV, Barbara Meyer-Bukow.

In den vergangenen Jahren erlebte der Ölpreis einen dramatischen Steigflug. Anfang 1999 kostete das Barrel noch unter 12 Dollar. Nun flirtet der Ölpreis bereits seit Monaten mit der 100-Dollar-Marke. 2007 verteuerte sich das "schwarze Gold" damit um über 50 Prozent. Der Dollar verlor umgekehrt im vergangenen Jahr zehn Prozent an Wert.

An der Terminbörse NYMEX in New York war es dann am Mittwochmittag soweit: Ein einzelner Händler setzte mit seinem 100-Dollar-Geschäft je Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) den neuen Rekord. Manche unkten, er habe sich damit nur in die Geschichtsbücher schreiben wollen. Im weiteren Handel und am Donnerstag legte der Ölpreis eine Verschnaufpause ein und notierte fast unverändert bei etwa 99,60 Dollar. Doch der Symbolwert des äußerst kurzen Rekordstands war immens. Händler verwiesen als aktuelle Gründe auf die zunehmende Gewalt in Afrikas größtem Erzeugerland Nigeria und die zuletzt stetig gesunkenen US-Ölvorräte. Vor allem aber der schwache Dollar trieb den Kurs für das in der US-Währung notierte Rohöl beständig nach oben.

Steigt der Ölpreis, schlägt dies über kurz oder lang beim Heizen und Tanken auf die Verbraucher durch. Noch höhere Benzinpreise aber dämpfen Konsumlust und Kaufkraft - mit empfindlichen Folgen für die Konjunktur. Massiv durchschlagen kann dies besonders in den USA, die wie keine andere Industrienation vom privaten Konsum und vom Rohstoff Öl abhängen. Eine schwächere US-Konjunktur oder gar eine Rezession hätte wiederum heftige Auswirkungen auf Europa und den Rest der Welt.

Prompt suchen Anleger weltweit derzeit eine verlässliche Zuflucht etwa in festverzinslichen Anleihen. Auch Rohstoffe und Basisgüter verteuern sich: Von Platin über Heizöl bis hin zu Sojabohnen steigen die Preise - ein klares Zeichen für wachsende Inflationssorgen.

Gold ist dabei wie stets in Krisenzeiten Fluchtwährung Nummer eins. Nach dem Überspringen des bisherigen Rekords aus dem Jahr 1980 von 850 Dollar je Feinunze nimmt das Edelmetall nun laut Analysten bereits einen Preis von 900 Dollar ins Visier. Commerzbank-Experte Eugen Weinberg warnte Anleger aber vor einem Goldrausch. Nach der Beschleunigung könne es zu einer scharfen Korrektur kommen.

Den Aktienmärkten bescherte der Ölpreis mit deutlichen Verlusten vor allem in den USA einen denkbar schlechten Start ins Jahr. Bisher prophezeiten Experten den Börsen in Europa und Amerika für 2008 gute Zuwächse von mehr als zehn Prozent. Nach dem ersten Nackenschlag gleich zum Auftakt ist dieses Ziel nun schwerer zu erreichen.

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