Rekordhoch schürt allmählich Ängste

München - Der Euro ist erstmals seit seiner Einführung über die Marke von 1,60 Dollar gestiegen. Am späten Nachmittag kletterte die europäische Gemeinschaftswährung bis auf 1,6002 Dollar, nachdem sie am Morgen noch deutlich unter 1,59 Dollar notierte.

Der Euro eilt seit Monaten von Rekord zu Rekord. Den letzten Höchststand hatte er am 17. April mit 1,5982 Dollar verzeichnet.

Warum steigt der Euro?

Grundsätzlich ist der hohe Kurs eher als Dollar-Schwäche denn als Euro-Stärke zu sehen. Schwach ist der Dollar, weil die US-Konjunktur infolge der Finanzmarktkrise in eine Rezession abzurutschen droht. Manche Experten gehen sogar davon aus, dass die USA bereits in einer Rezession stecken.

 Die amerikanische Notenbank versucht sehr viel energischer, als die Europäische Zentralbank (EZB) das jemals tun würde, dem konjunkturellen Abschwung entgegenzusteuern. Das tut sie, indem sie die Leitzinsen senkt. Mehrere solcher Schritte hat die Notenbank Fed bereits hinter sich, um die amerikanische Wirtschaft mit billigem Geld zu versorgen und den ins Stocken geratenen Kapitalfluss zwischen den Banken wieder zum Laufen zu bringen.

Dieser Zinssenkungs-Politik hat sich die EZB bislang nicht angeschlossen. Die europäischen Währungshüter sehen sich in vorderster Linie der Preisstabilität verpflichtet. Inflationsraten von deutlich über drei Prozent, die in den vergangenen Monaten zu verzeichnen waren, würden eher eine Zinserhöhung, also eine Verknappung der Liquidität im Euroraum nahelegen. Die Folge ist, dass der wichtigste Leitzins in den USA seit 18. März 2008 bei nur mehr 2,25 Prozent liegt, während der Euro-Zins seit 6. Juni 2007 stabil bei 4,0 Prozent liegt.

Diese wachsende Zinsdifferenz zwischen den USA und dem Euro-Raum bringt mit sich, dass die Kapitalanlagen in Euro derzeit mehr rentieren als solche in Dollar. Deshalb fließt tendenziell mehr Geld in den Euro-Raum, was der Währung wiederum Auftrieb gibt.

Aktueller Anlass für das erneute Euro-Rekordhoch waren Aussagen ranghoher Vertreter der EZB. So deuten jüngste Äußerungen von Bundesbankpräsident Axel Weber und von Frankreichs Notenbank-Chef Christian Noyer darauf hin, dass in Europa trotz eingetrübter Konjunkturaussichten sogar Zinserhöhungen denkbar seien. Zu schwer wiegt die anhaltend hohe Inflation von zuletzt 3,6 Prozent - ebenfalls ein Rekordwert. Außerdem gab es enttäuschende Daten vom US- Immobilienmarkt.

Welche Auswirkungen hat der hohe Eurokurs?

Waren aus dem Euro-Gebiet werden für Kunden aus dem Dollar-Raum teurer. Das trifft insbesondere die exportstarken deutschen Unternehmen, die zu hohen Euro-Kosten produzieren und zu schwachen Dollar-Kursen verkaufen müssen.

 Für Verbraucher gibt es auch Vorteile, so sind zum Beispiel Urlaubsaufenthalte in Dollar-Ländern, zu denen unter anderem auch karibische Staaten gehören, deutlich günstiger geworden. Auch schmälert der schwache Dollarkurs tendenziell die Heizöl-Rechnung; denn Rohöl wird weltweit in (schwachem) Dollar abgerechnet.

Wie reagiert die deutsche Wirtschaft?

Zunächst zeigte sich die Wirtschaft überraschend gelassen. Schließlich gibt es in Europa nach wie vor Rückenwind seitens der Konjunktur und die meisten Experten erwarten, dass der Aufschwung in Euro-Land durch die weltweite Finanzmarktkrise nicht abgewürgt, sondern allenfalls unterbrochen wird. Allerdings mehren sich mittlerweile die mahnenden Stimmen. Bei einer Umfrage des Psephos-Instituts unter 800 Top-Managern im Auftrag des "Handelsblatts" sahen 40 Prozent negative Auswirkungen für das eigene Geschäft, darunter ein Drittel "deutliche". "In den Branchen Auto und Luftfahrt ist mittelfristig mit spürbaren Jobverlagerungen zu rechnen", meint auch Anton Börner, der Präsident des Groß- und Außenhandelsverbandes.

 Deutsche Unternehmen mit starkem Geschäft in Amerika könnten ihre Nachteile aber auch auf andere Weise ausgleichen, zum Beispiel, indem sie Komponenten günstiger aus den USA beziehen. Der Münchner Autobauer BMW, für den die USA ein wichtiger Absatzmarkt sind, reagiert auf die Währungskurse, indem er die Produktion in seinem US-Werk Spartanburg ausbaut. Zudem kauft der Konzern künftig mehr Teile bei US-Zulieferern.

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