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Boomende Energieträger: Kohlekraftwerke und Windräder liefen 2015 ausgiebig. Beim Wind gab es einen Produktionsrekord. Kohlestrom wurde stark exportiert. 

Stromproduktion

Rekordjahr für Erneuerbare macht Klimabilanz nicht besser

München - Ökostrom boomt: Ein Drittel des deutschen Verbrauchs kam 2015 aus Energieträgern wie Wind und Sonne – so viel wie nie. Seine Klimaziele könnte Deutschland trotzdem verfehlen.

Der 23. August 2015 war ein bemerkenswerter Tag. 83,2 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland wurden in der Spitze mit Erneuerbaren Energien gedeckt. Es hätte also nicht mehr viel gefehlt und Wohnhäuser, Büros sowie Fabriken wären nahezu vollständig aus Wind, Sonne, Biomasse versorgt gewesen. So geht es aus einer Auswertung der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende hervor.

Auch insgesamt war 2015 ein Rekordjahr. Der Gesamtanteil der Erneuerbaren Energien am deutschen Stromverbrauch machte einen kräftigen Sprung. Jede dritte verbrauchte Kilowattstunde kam aus Ökostrom. Der Anteil am Strom-Mix stieg damit von 27,3 auf 32,5 Prozent – ein Anstieg um 5,2 Prozentpunkte. So rasch war der Ökostromverbrauch binnen eines Jahres noch nie gestiegen. In der Strom-Branche sieht man die Agora-Zahlen als verlässlich. Immerhin stammen die Rohdaten zum größten Teil von der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen in Köln – also von der Energiewirtschaft selbst. Für Bayern gibt es noch keine regionalisierten Gesamtzahlen aus 2015. Im Freistaat hatte der Anteil an Ökostrom allerdings bereits 2014 bei 36 Prozent gelegen.

Die Stilllegung mehrerer Atomkraftwerke hat Europas größte Volkswirtschaft offenbar ohne Probleme verkraftet. Mit 647 Terawattstunden wurde mehr Strom erzeugt als je zuvor, allein bei der Windkraft gab es gegenüber dem Vorjahr ein 50-Prozent-Plus. Auch im gesamten Energiemix – inklusive Wärme und Mobilität – steigt der Anteil der Erneuerbaren. Laut AG Energiebilanzen liegt er bei 12,6 Prozent, ein Zehntel höher als im Vorjahr. Wichtigste Energieträger sind aber wegen des Autoverkehrs und Gebäudeheizungen Mineralöl und Erdgas.

Klimabilanz nicht verbessert

Die starke Stromproduktion führt allerdings dazu, dass die Energiekonzerne Kohlestrom massiv ins Ausland verkaufen. 2015 exportierten deutsche Anbieter 60,9 Terawattstunden ins Ausland – also etwa ein Zehntel der Gesamtproduktion. Auch das war so viel wie noch nie. Trotz des hohen Ökostromanteils hat sich die Klimabilanz daher nicht verbessert. Die nach wie vor starke Produktion der Kohlekraftwerke schlägt durch. Die Gesamtemissionen seien leicht angestiegen“, sagt Agora-Direktor Patrick Graichen. Auch die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Claudia Kemfert, sieht die Jahresbilanz kritisch. Der starke Ausbau der Erneuerbaren sei durch einmalige Nachholeffekte und die Witterung bedingt gewesen. „Politisch wurde die Energiewende eher ausgebremst“, meint sie. Kemfert spricht von „teuren Zugeständnissen“ an die Kohleindustrie.

Die Bundesregierung hatte sich mit den Stromkonzernen darauf geeinigt, dass acht besonders alte Braunkohle-Meiler schrittweise abgeschaltet werden. Dafür erhält die Wirtschaft eine Entschädigung von mindestens 1,6 Milliarden Euro – bezahlt von den Stromkunden. Hintergrund ist die Sorge, dass Deutschland seine Klimaziele verfehlen wird. Bis 2020 soll der CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent sinken. Erreicht sind laut Agora erst um die 26 Prozent.

Die Bundesregierung müsse endlich eine überzeugende Strategie für einen langfristigen Verzicht auf fossile Brennstoffe im Strom-, Wärme- und Verkehrssektor vorlegen, fordert Graichen. Deutschland werde seine Klimaziele „aller Voraussicht nach“ nicht erreichen, meint auch Kemfert. „Nur wenn wir den Anteil von Kohlestrom dauerhaft senken, wird die Energiewende gelingen können.“

Haushalte müssen mit leicht steigenden Preisen rechnen

In Deutschland wird so viel Strom produziert wie nie – doch die Haushaltsstrompreise dürften 2016 im Vergleich zum Vorjahr steigen. Das große Angebot drückt zwar weiter auf die Börsenstrompreise, schon 2015 wies Deutschland mit 31,60 Euro pro Megawattstunde nach Skandinavien die zweitniedrigsten Großhandelspreise in Europa auf. Davon profitieren aber nur Großabnehmer. Nach den Daten der Agora Energiewende dürfte der Haushaltsstrompreis in Deutschland 2016 durchschnittlich bei 29,5 Cent pro Kilowattstunde liegen. Das entspricht dem Niveau von vor zwei Jahren. 

2015 hatte der Preis bei 29,1 Cent und damit leicht günstiger gelegen. Grund für die Preissteigerung ist zum einen die insgesamt höhere Summe an Zuschüssen für den Ökostrom (EEG-Umlage). Da für die Stromproduzenten eine bestimmte Vergütung festgelegt ist, müssen die Kunden ihnen die Differenz zum deutlich günstigeren Börsenpreis erstatten. Ganz so stark wie oft behauptet, fällt das aber nicht ins Gewicht. Immerhin ist es ja gerade das enorm wachsende Ökostromangebot, das den Börsenpreis in den Keller drückt. Weiterer Grund für die höheren Preise sind steigende Gebühren für die Nutzung der Stromnetze – sogenannte Netzentgelte. EEG-Umlage und Netzentgelte machten 2015 jeweils ein gutes Fünftel des Kilowattstundenpreises aus. 

Ein weiterer großer aber uvermeidlicher Posten sind die Erzeugungskosten der Produzenten (23 Prozent). Zudem greift der Staat ordentlich zu – mit der Mehrwertsteuer (16 Prozent) und der Stromsteuer (sieben Prozent) kassiert er einen erheblichen Teil des Strompreises.

Til Huber

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