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Rente erst mit 68 - diese Jahrgänge müssten laut neuem Reformvorschlag länger buckeln

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Von: Markus Hofstetter

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Ein Gutachten will die Rente mit 68. Der Kritik ist groß, die Linke spricht von einem „asozialen Oberhammer“. Welche Jahrgänge von dem Vorstoß betroffen wären.

Berlin - Rund drei Monate vor der Bundestagswahl stößt der wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium, das von Peter Altmaier (CDU) geführt wird, in ein Wespennest. In einem am Montag ( 7. Juni) veröffentlichten Gutachten wird vorgeschlagen, das Renteneintrittsalter auf 68 Jahre zu erhöhen. Betroffen davon wären alle Arbeitnehmer, die heute 47 Jahre oder jünger sind, also ab dem Jahrgang 1974. Nach derzeitiger Rechtslage wird die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. (Verfolgen Sie unsere Wirtschaftsberichterstattung auf unserer LinkedIn-Unternehmensseite und diskutieren Sie mit.)

Experten-Gutachten zur Rente mit 68: Linke spricht vom „asozialen Oberhammer“

Wie nicht anders zu erwarten, gab es bereits kurz nach Bekanntwerden des Gutachtens heftige Gegenreaktionen. „Das ist der asoziale Oberhammer“, sagte Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow laut dpa. Altmaier müsse das entsprechende Gutachten seiner Berater sofort kassieren, sonst beginne morgen der Rentenwahlkampf. Die Linke werde „mit Zähnen und Klauen die Rechte der Rentnerinnen und Rentner verteidigen“.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnt die Reformvorschläge ab. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sagte in der Dienstags-Ausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung, der Wissenschaftliche Beirat wolle „Renten drastisch kürzen, Sozialstaat abbauen und Alterssicherung privatisieren; all das, um Arbeitgeber massiv zu entlasten“. Dafür sei auf Basis eines fiktiven Rechtsstands ein bevorstehender Ruin des Staates verkündet worden, um dann damit einschneidende Reformen zu begründen.

Experten-Gutachten zur Rente mit 68: Kritik aus der Union, Zustimmung von der FDP

Auch aus der Union kommt Kritik. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sagte der Bild: „Wir brauchen keine Debatte über eine Anhebung des Renteneintrittsalters, sondern über eine gute Rente im Alter durch die Kombination einer Stabilisierung des Rentenniveaus und einer Stärkung der privaten Vorsorge.“ CDU-Sozialexperte Peter Weiß führte aus, für die Rentenkasse sei entscheidend, „wie die Wirtschaft läuft, wie viele Beitragszahler es gibt und wie hoch die Löhne sind“.

Johannes Vogel, stellvertretender Vorsitzender der FDP, dagegen begrüßte den Vorstoß. „Das Gutachten zeigt: Wenn wir die Rentenpolitik von Union und SPD fortsetzen, wird die Rente in den Jahren nach 2025 unfinanzierbar“, führte er in der Bild aus.

Experten-Gutachten zur Rente mit 68: „schockartig steigende Finanzierungsprobleme“ ab 2025

Ein Grund für den Reformvorschlag ist, dass wegen der längeren Rentenbezugsdauer das Finanzloch in der Rentenkasse immer größer wird. In diesem Jahr muss der Bund 106 Milliarden Euro zuschießen, 2024 sollen es rund 120 Milliarden Euro sein. Ab 2025 prognostiziert der Beirat dann „schockartig steigende Finanzierungsprobleme in der gesetzlichen Rentenversicherung“. Das ginge zulasten von Zukunftsinvestitionen zum Beispiel in Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz und würde die Tragfähigkeit unseres Sozialsystems untergraben, so Beiratsvorsitzender Klaus M. Schmidt.

Laut dem Gutachten müssten die zusätzlichen Lebensjahre nach einer klaren Regel zwischen mehr arbeiten und länger Rente beziehen aufgeteilt werden. Dafür soll es eine „dynamische Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung“ geben.

Gemäß den derzeitigen Prognosen der Lebenserwartung würde mit einer solchen Regel das Rentenalter im Jahr 2042 mit 68 Jahren erreicht, sagte Axel Börsch-Supan. Beim Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München lag die Federführung des Gutachtens. Demnach wären die Geburtsjahrgänge 1974 und folgende von den Reformvorschlägen betroffen.

Gleichzeitig betonte der Beirat jedoch in seiner Mitteilung: „Sollte die Lebenserwartung abnehmen, kann auch das Rentenalter sinken.“ Zu den Vorschlägen zählt auch, bei den Rentenerhöhungen Bestandsrenten weniger stark zu dynamisieren als neue Renten.

Corona-Auswirkungen auf die Rente: geringe Folgen für die Gruppe der 50- bis 64-Jährigen

Es gibt aber auch gute Nachrichten für künftige Rentnerinnen und Rentner. Sie müssen keine gravierenden Auswirkungen der Corona-Krise auf ihre Bezüge befürchten. Der Wirtschaftseinbruch hat wohl nur geringe Auswirkungen auf die Rentenansprüche, so das von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Institut DIW in einer Studie.

Die Folgen etwa für die Gruppe der 50- bis 64-Jährigen seien gering. Sie muss verglichen mit einem Szenario ohne Corona-Krise einen „leichten Rückgang von etwa einem Prozent der Rentenanwartschaften“ hinnehmen. Grund ist vor allem, dass bei Kurzarbeit Rentenbeiträge nur für 80 Prozent des ausgefallenen Verdienstes gezahlt werden.

Aber auch Ruheständler können sich freuen. Nach einer Nullrunde 2021 können sie sich in den folgenden Jahren auf hohe Rentenzuwächse freuen. (mhof/dpa)

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