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Ständische Rentenversorger übernehmen künftig Elemente der gesetzlichen Rentenversicherung. Das betrifft tausende Freiberufler – unter anderem Anwälte und Apotheker.

Altersversorgung

Neues Fundament für die Rente vieler Freiberufler

München - Vielen bayerischen Ingenieuren, Architekten, Anwälten, Steuerberatern und Apothekern steht eine Reform ihrer Altersbezüge ins Haus. Abschläge bedeutet das zumindest einstweilen jedoch nicht.

Das Schreiben, das die Bayerische Versorgungskammer in den vergangenen Tagen an viele ihrer Mitglieder verschickte, klingt erst einmal bedrohlich: Darin geht es um eine „Erweiterung des Finanzierungssystems um Elemente des offenen Deckungsplanverfahrens (ODPV)“ bei der berufsständischen Rentenversorgung. Betroffen sind die Apothekerversorgung, die Ingenieurversorgung-Bau und Psychotherapeutenversorgung, die Rechtsanwalts- und Steuerberaterversorgung sowie die Architektenversorgung. Das bestätigte eine Sprecherin der Versorgungskammer.

Die Architekten werden über die ab dem 1. Januar 2015 greifendende Reform erst in den kommenden Tagen informiert.

Umstellung auf Kombination aus Kapitaldeckung und dem Umlageverfahren

Hinter der Umstellung verbirgt sich ein Wechsel vom rein kapitalgedeckten Anwartschaftsdeckungsverfahren auf eine Kombination aus Kapitaldeckung und dem Umlageverfahren, wie es auch bei der gesetzlichen Rente zur Anwendung kommt. Dort werden die eingezahlten Beiträge unmittelbar zur Finanzierung der Renten herangezogen. Beim Anwartschaftsdeckungsverfahren legt der Versicherer die Beiträge der Mitglieder dagegen auf dem Geldmarkt an und bezahlt aus dem angesammelten Guthaben die laufenden und künftigen Leistungen. Das Risiko, dass die Renten aufgrund einer zunehmenden Überalterung der Versicherungsgemeinschaft niedriger ausfallen, ist bei diesem Verfahren geringer.

Zunächst einmal müsste man also meinen, dass eine teilweise Umstellung auf Elemente der gesetzlichen Rente für Anwälte und die anderen betroffenen Berufsgruppen Kürzungen zur Folge hat. Bislang fallen deren Altersbezüge vergleichsweise üppig aus.

"Zunächst einmal keine Leistungskürzung" bei der Rente

Doch Ulrich Böger, Bereichsleiter berufsständische Versorgung bei der Bayerischen Versorgungskammer, beruhigt: „Die Ergänzung des Anwartschaftsdeckungsverfahrens um Elemente des offenen Deckungsplanverfahrens ermöglicht es uns, die Risikotragfähigkeit der Versorgungswerke trotz der dauerhaften Niedrigzinsphase sicherzustellen.“ Durch die Systemergänzung würden „Leistungskürzungen zum jetzigen Zeitpunkt vermieden“.

Auch der unabhängige Münchner Rentenberater Lutz Schnabel geht davon aus, dass die Umstellung „zunächst einmal keine Leistungskürzung zur Folge hat, sondern im Gegenteil sogar hilft, eine solche zu vermeiden“. Ohne die Reform müsste die Versorgungskammer die künftigen Altersbezüge wohl rasch absenken. Ein wesentlicher Grund hierfür: Der Kapitalstock muss beim bisherigen Anwartschaftssystem die Finanzierung der Ansprüche der Mitglieder vollständig abdecken. Doch dieses Ziel zu erreichen, fällt den Versicherern aufgrund der immer weniger werdenden Zahl von sicheren und zugleich gut verzinsten Anlageformen immer schwerer. Hier hilft zumindest kurzfristig die Umstellung auf ODPV.

Versicherter erwirbt ab Januar für eingezahlte Beiträge Rentenpunkte

Zwar bleiben der Kapitalstock und die daraus resultierenden Zinseinnahmen das zentrale Element für die Finanzierung der Renten. Der Versicherer darf beim ODPV-System jedoch von der hundertprozentigen Deckung abweichen. Bei der offenen Deckung fließen neben dem Rechnungszins auch andere Faktoren wie etwa die erwartete Entwicklung der Beiträge ein – und die ist bei vielen freien Berufen derzeit durchaus ordentlich.

Bis Ende 2014 erworbene Anwartschaften sollen übrigens nicht in das neue System miteinbezogen werden. Klar ist auch: Statt direkter Anwartschaften in Eurobeträgen erwirbt der Versicherte ab Januar für eingezahlte Beiträge ähnlich wie beim gesetzlichen System Rentenpunkte. Wie hoch deren Gegenwert ist, legt die Versorgungskammer jährlich fest. Einstweilen soll ein Punkt einen Euro einbringen.

Für die Höhe der Anwartschaft des Einzelnen spiele die System-Umstellung keine Rolle

Die teilweise Einbeziehung von Elementen des Umlageverfahrens der gesetzlichen Rente, wie etwa die Einführung von Rentenpunkten, sei jedoch keineswegs als „erster Schritt für eine Absenkung der Renten-Anwartschaften zu sehen“, sagt Stefan Strunk, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Berufsständischer Versorgungseinrichtungen (ABV). Die Mehrzahl der ABV-Mitglieder setzt schon lange auf das ODPV. Einer seiner Vorteile sei dessen „Flexibilität“, erläutert Strunk. Für die Höhe der Anwartschaft des Einzelnen spiele die System-Umstellung keine Rolle. Hierfür seien vielmehr die Verdiensthöhe der Mitglieder sowie die Kapitalmarktentwicklung entscheidend.

Auch der IHK-Sachverständige Schnabel sagt: Schon beim bisherigen System könnten bereits erworbene Anwartschaften verringert werden, wenn dies aufgrund der Marktentwicklung nötig sei. „Wegen der Systemumstellung an sich, muss sich kein Versicherter Sorgen machen.“

Insgesamt hatte die Versorgungskammer Bayern, bei der allerdings auch andere Berufsgruppen als die von der Reform betroffenen versichert sind, 2013 fast 1,7 Millionen Mitglieder.

Von Tobias Lill

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