Renten: "Den Rest wird die Politik auch noch kassieren"

- 30 Jahre lang Nullrunden - mit dieser alarmierenden Analyse nehmen Experten den deutschen Rentnern die Hoffnung auf bessere Zeiten. Martin Werding (41), Abteilungsleiter für Sozialpolitik am Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, teilt die pessimistischen Prognosen.

Wann sehen Sie die Chance für eine Rentenerhöhung? Ihr Kollege Bernd Raffelhüschen hat für die nächsten 30 Jahre Nullrunden prophezeit.

Martin Werding: Ich teile diese Ansicht. Die laufende Rentenanpassung wird durch mehrere Faktoren gedämpft - etwa durch die Erhöhung der Riester-Sparquoten oder den Nachhaltigkeitsfaktor. Aus Sicht des Ifo-Instituts gibt es bis etwa 2030 - nach dem jetzt geltenden Recht und unter normalen Annahmen - wenig Spielraum für Rentenerhöhungen, die pro Jahr höher sind als real ein Prozent. Über den Inflationsausgleich hinaus kommt also kaum etwas dazu. Und den Rest wird die Politik dann vielleicht auch noch kassieren.

Mit anderen Worten: Die Renten werden endgültig von der Wirtschaftsentwicklung abgekoppelt.

Werding: Diese Aussage ist nicht ganz korrekt. Entscheidend ist ja auch die Entwicklung der Lohnsumme, und die steigt nicht stark. Im Vergleich zum deutschen System wird in anderen Ländern wirklich nur ein Inflationsausgleich gezahlt. Großbritannien zum Beispiel ist über 20 Jahre so verfahren. Hier haben wir es in der Tat mit einer Abkopplung von der Einkommensentwicklung zu tun. Davon halte ich nichts. Wir brauchen andere Wege zur Vermeidung wachsender Altersarmut.

Was bedeuten sinkende oder stagnierende Renten für die Volkswirtschaft?

Werding: Das ist eher ein Nullsummenspiel: Was der Staat den Rentnern auszahlt, muss er zuvor anderen Gruppen wegnehmen, womöglich Familien, die eine vergleichsweise hohe Konsumquote aufweisen. Unter Nachfrage-Gesichtspunkten halte ich Nullrunden bei den Renten für weniger problematisch.

Über die Altersarmut gibt es verschiedene Zahlen. Wie solvent sind Deutschlands Senioren wirklich?

Werding: Nach unseren Informationen ist Altersarmut bei der heutigen Rentner-Generation wenig verbreitet. Natürlich gibt es einige, die sich aus Scham nicht melden. Doch die Sozialhilfe-Zahlen sind in dieser Altersgruppe nicht signifikant. Durch das geltende Recht aber könnte Altersarmut in Zukunft ein Problem werden - für diejenigen, die den geburtenstarken Jahrgängen angehören und in 30 Jahren in Rente gehen.

Was raten Sie den Rentnern von übermorgen?

Werding: Es ist unverzichtbar, die Altersvorsorge durch private Ersparnisse zu ergänzen. Die Bundesregierung hat die private Vorsorge mit der Riester-Reform eingeleitet. Dennoch droht eine soziale Schieflage: Wenn der Staat die Renten ohne Unterschiede kürzt, werden auch jene bestraft, die zwei oder drei Kinder aufgezogen haben. Das ist nicht akzeptabel. Künftig sollte sich die Höhe der Renten auch an der Frage bemessen, wer wie viele Kinder hat. Alleinstehende müssten dann in einem stärkeren Maße private Vorsorge betreiben.

Das Gespräch führte Holger Eichele.

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