Rentner mit Rollator passiert E-Scooter der Firma Lime in der Kölner Innenstadt.
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Immer mehr Rentner rutschen in die Altersarmut - auch, weil sie mit der Bürokratie alleingelassen werden. (Symbolbild)

500.000 Senioren betroffen

Komplizierte Anträge: Rentner entgehen 10 Milliarden Euro pro Jahr - „Völlig absurdes“ System

  • Jonas Raab
    VonJonas Raab
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200 Seiten lange Formulare sorgen dafür, dass die Grundsicherung im Alter nicht einmal die Hälfte der berechtigten Senioren erreicht. Eine Studie deckt das „völlig absurde“ System auf.

München - Altersarmut nimmt seit Jahren zu. Der demografische Wandel befeuert den traurigen Trend weiter. Ende 2020 bezogen mehr als 564.000 Senioren das sogenannte „Senioren-Hartz“, also die Grundsicherung im Alter. Doch die zusätzliche Stütze vom Staat kommt nur zur Hälfte an, wie eine aktuelle Studie des ifo Instituts zeigt. Deren Verfasser, ifo-Forscher Andreas Peichl, schlägt Alarm: „Das System wirkt, als wäre es gemacht, um es den Empfängern schwer zu machen.“

Laut ifo-Erkenntnissen gibt es in Deutschland hunderttausende alleingelassene Rentner, die Anspruch auf Grundsicherung hätten – sie aufgrund der komplizierten Beantragung aber nicht nutzen. „Wir haben dazu rund 175 verschiedene Bestimmungen, das versteht keiner mehr. Das muss vereinfacht werden auf fünf“, sagt Peichl. Er fordert deshalb, die Grundsicherung in Deutschland umfassend zu reformieren. Im Wahljahr könnte das auf offene Ohren treffen, denn auch die Bundesparteien befassen sich derzeit mit radikalen Änderungen bei Hartz IV und Rente.

Grundsicherung und Rente: Staat spart seit Jahrzehnten 6 bis 10 Milliarden Euro im Jahr

Aktuell sind die entsprechenden Formulare zum Teil 200 Seiten lang. Die ifo-Studie zeigt: Eine Grundsicherung, die derart kompliziert und aufwendig beantragt werden muss, kommt viel zu oft nicht da an, wo sie benötigt wird – bei den Ärmsten der Gesellschaft. Weil sich Berechtigte im Antragsdschungel nicht zurechtfinden und deshalb auf ihre Ansprüche verzichten, spart der Saat laut ifo-Studie zwischen 6 und 10 Milliarden Euro im Jahr. „Das ist seit Jahrzehnten so“, sagt Peichl.

Peichl erstellte die Studie im Auftrag der Stiftung Grundeinkommen. Deren Geschäftsführer, Mansour Aalam, bezeichnet das System als „besonders schwerwiegenden Missstand“. Sein Fazit: „Eine Grundsicherung, die 40 Prozent der Anspruchsberechtigten nicht in Anspruch nehmen, verfehlt klar ihren Auftrag.“

Rente: Bürokratieabbau und grundsätzliche Reform der Grundsicherung gefordert

Aalam plädiert für eine Reform der Grundsicherung und dabei die Vorteile der Grundeinkommensidee - Einfachheit, Transparenz und Stigma-Freiheit - zu integrieren. Peichl hingegen nimmt Finanzamt und Arbeitsagentur in die Pflicht: Er fordert, die Einkommens- und Vermögensprüfung zu automatisieren. „Das könnte sehr viel Bürokratie einsparen.“ Berechtigte müssten bei einer derartigen Umkehr der Beweispflicht nur noch erklären, dass ihr Vermögen nicht über einer bestimmten Summe liegt. Das würde einen erheblichen Bürokratieabbau ermöglichen. Welche Voraussetzungen Betroffene erfüllen müssen, erfahren Sie hier.

Die aktuelle ifo-Studie legt neben erschreckende Zahlen ein „völlig absurdes“ System offen: Manche Empfänger bekommen heute netto weniger Geld, wenn sie brutto etwas hinzuverdienen - weil ihnen dann staatliche Leistungen gestrichen werden. Bei der Frage, was zum Einkommen zählt, legen Arbeitsagentur, Jugendamt und Wohnungsamt unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Kriterien an. „Da fehlt es an Abstimmung“, sagt Peichl. Deshalb müsse die Politik das System bei einer Reform umfassend betrachten.

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