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Wer raucht stirbt früher. Diese Tatsache nutzen private Versicherer und bieten spezielle Renten-Policen an.

Rentenversicherer locken Raucher und Übergewichtige

München – Mehr Rente für Raucher, Übergewichtige oder Herzkranke: Was sich nach provokanter Sprücheklopferei anhört, bieten einige Versicherer tatsächlich an. Eine geringere Lebenserwartung wird dabei in bares Geld umgewandelt.

 „Es ist doch nur fair und sozial, diesen Menschen eine höhere Rente auszubezahlen“, sagt Burkhard Remke , Geschäftsführer der Alternative Investments Deutschland GmbH (AID). Schließlich hätten diese Menschen aufgrund ihres Lebenswandels und ihres Gesundheitszustands eine statistisch gesehene kürzere Lebenserwartung. Und sie hätten in der Vergangenheit aufgrund dieser Kriterien bereits mehrfach Zuschläge in verschiedenen Versicherungsbereichen zahlen müssen. „Mit Beginn der Rente soll sich das positiv auszahlen.“

Die AID bietet im Auftrag der liechtensteinischen Quantum AG und der Hannover Rück seit 2007 für Menschen ab 55 Jahren eine „Individual-Rente“ an, bei der Raucher (15 Zigaretten und mehr am Tag) oder Übergewichtige (hier zählt der Body-Mass-Index) im Vergleich zu „Gesunden“ auf bis zur doppelten Rentensumme kommen können – lebenslang garantiert. „Es kommt dabei auf das Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren an“, erklärt Remke. Das heißt, je mehr negative Umstände zusammenkommen – also etwa übergewichtiger Raucher mit Diabetes und Bypass – desto geringer die Lebenserwartung und desto höher die monatliche Sofort-Rente. Ausschlaggebend ist dabei der Befund des Hausarztes.

Ein medizinischer Test ist auch bei der Extra-Rente des Münchner Versicherers LV 1871 Pflicht. Auf Wunsch des Kunden gibt es drei Monate vor Beginn der Auszahlung der Basis- oder Riester-Rente einen Gesundheits-Check. Wird eine Erkrankung festgestellt, steigt auch hier die Rente. „Das ist ein sensibles Thema“, weiß man bei der LV 1871. Aber es stecke der Gedanke dahinter, dem Versicherten möglichst alles zurückzugeben, was ihm zustehe. Bei den Münchnern gehört diese Wahlmöglichkeit erst seit wenigen Monaten als fester Bestandteil zum Produkt.

Diese Form der Versicherung kommt ursprünglich aus Großbritannien. In Deutschland ist sie kaum verbreitet. „Es ist ein Nischenmarkt und wird es auch bleiben“, sagt AID-Chef Remke. Man wäre äußerst zufrieden, wenn bis Ende diesen Jahres 1000 Abschlüsse zustande kämen. Für Deutschlands größten Versicherer Allianz kommt solch ein „fragwürdiges Modell, das mit der Krankheit der Kunden spekuliert“, wie ein Allianz-Sprecher sagte, nicht in Betracht. Generell würde der Trend aber hin zur stärkeren Individualisierung gehen.

„Ich sehe darin nichts Verwerfliches und es ist auch versicherungsmathematisch okay“, sagt Georg Pitzl , Altersvorsorge-Experte der Verbraucherzentrale Bayern. „Normalerweise ist eine Rente aus Sicht des Versicherten eine Wette auf ein langes Leben“, erklärt Pitzl. Wird der Versicherte hundert Jahre alt, hat er gewonnen. Stirbt er wie statistisch berechnet oder sogar noch früher, gewinnt die Versichertengemeinschaft. Allerdings sollte man sich grundsätzlich gut überlegen, ob man die Form der Sofort-Rente, wie sie die AID anbietet, wirklich möchte. Schließlich muss für die lebenslang garantierte Rentenzahlung› ein hoher Einmalbetrag eingezahlt werden. Und auch bei einer vergleichsweise höheren Auszahlung sei nicht gewährleistet, dass sich diese Anlageform rechnet. Auch hier zählt die Lebensdauer.

Von Stefanie Backs

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