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Die Rettung ist im ersten Anlauf gescheitert. Die Banken wollten nicht mehr mitspielen. Jetzt ist der Staat am Zug.

Finanzkrise: „Das ist eine große Poker-Runde“

München - Die internationale Finanzkrise hat Deutschland mit voller Wucht erreicht. Das Rettungspaket für den Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate ist vorerst geplatzt. Bundesregierung und Banken ringen um einen neuen Plan, um einen Zusammenbruch zu verhindern.

Bundesregierung und Finanzbranche ringen unter Zeitdruck um die Rettung des am Abgrund stehenden Münchner Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich vor einem Krisentreffen fest entschlossen, die Zukunft des Dax-Konzerns zu sichern, um eine Schieflage des ganzen Finanzsystems zu verhindern. „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“

Über die bisherigen Sicherungssysteme hinaus soll eine Staatsgarantie für private Einlagen greifen. Merkel betonte zugleich, dass die Verantwortlichen der Bank zur Rechenschaft gezogen werden sollen. „Das sind wir den Steuerzahlern schuldig“.

Die größte Rettungsaktion in der deutschen Bankengeschichte war im ersten Anlauf gescheitert. Überraschend hat die heimische Finanzwirtschaft ihre Zusagen für einen 35 Milliarden Euro umfassenden Notkredit an die Münchner Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE), der noch am Freitag gesichert schien, am Wochenende wieder zurückgezogen. Nun wird fieberhaft nach Möglichkeiten gesucht, den Immobilienfinanzierer zu retten, weil ein Zusammenbruch unabsehbare Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben könnte. „Das ist eine große Poker-Runde“, heißt es aus Finanzkreisen.

„Die Banken haben sich verabschiedet“, bestätigte HRE-Sprecher Hans Obermeier. Nun gehe es um die Existenz. Nicht in den Mund nehmen wollte er, dass bereits am heutigen Montag die Insolvenz drohe. „Wir bereiten uns auf alles vor“, räumte der HRE-Sprecher aber ein.

„Die Lage ist sehr ernst“, stellte auch Torsten Albig, der Sprecher von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, unumwunden klar. In neuen Krisentreffen rund um die Uhr wolle die Bundesregierung nun mit allen Beteiligten einen neuen Rettungsplan zimmern. Dabei dränge aber die Zeit. Eine Entscheidung werde wohl erst tief in der Nacht zum Montag fallen. Wenn die asiatischen Börsen gegen zwei Uhr mitteleuropäischer Zeit öffnen, müsse der Plan B stehen, sagen Finanzexperten.

Warum Plan A geplatzt ist und die Banken einen Rückzieher gemacht haben, ist angesichts gegenseitiger Schuldzuweisungen unklar. Fakt ist, dass der Finanzbedarf der HRE höher ist als bislang bekannt. „Kurzfristig ist der Liquiditätsbedarf gestiegen“, bestätigte Obermeier. Über das Ausmaß schwieg er sich aus. Allein bis Ende kommender Woche benötige die HRE eine Finanzspritze über 20 Milliarden Euro, bis Ende 2009 könnten bis zu 100 Milliarden Euro auflaufen, heißt es in Finanzkreisen, hinter denen Beobachter die Deutsche Bank vermuten. Diese hatte zuvor für die Finanzwirtschaft die HRE unter die Lupe genommen, um die wahre Lage zu ermitteln.

Offiziell bestätigt wird die dabei angeblich entdeckte und um das Dreifache über den bisher genannten Zahlen liegende Liquiditätslücke von niemandem. Das vom Bundesfinanzministerium in Umlauf gebrachte Szenario, die HRE erst zu retten, sie dann aber geordnet zu zerschlagen, habe weitere Geldhähne verschlossen und den Liquiditätsbedarf steigen lassen, wird im Umfeld der HRE behauptet. „Es spricht vieles dafür, dass von der HRE nicht die richtige Zahl genannt wurde“, meint dagegen Albig und wirft den Münchnern damit vor, die ganze Wahrheit verschwiegen zu haben.

Klar erkennbar ist aber auch die Tendenz der privaten Finanzindustrie Deutschlands, sich aus der Rettung der HRE so weit wie möglich zu verabschieden und das weitgehend Staat und Steuerzahler zu überlassen. Geschehen könnte das über eine Privatisierung der HRE, ein bereits in den USA praktiziertes Rettungsmodell. Dazu müssten die Aktionäre des Pleitekandidaten ihre Anteile dem Staat übereignen.

Bislang hoffen die HRE-Großaktionäre aber noch auf eine Sanierung. Der vor kurzem mit einem Viertel bei den Münchnern eingestiegene US-Finanzinvestor JC Flowers sowie dort engagierte Fonds stünden für eine Finanzspritze per Kapitalerhöhung bereit, heißt es aus dem Umfeld der Bank. Voraussetzung sei aber, dass diese Teil eines umfassenden Pakets sei, das die HRE wirklich retten könne.

Neben dem deutschen Staat und der hiesigen Finanzwirtschaft soll auch der irische Staat zur Stützung beitragen. An den Rand des Abgrunds gebracht hat die HRE nämlich ihre irische Tochter Depfa. Die hat ihr Geschäftsmodell auf kurzfristige Refinanzierung im Interbankengeschäft begründet. Weil sich die Institute wegen der Branchenkrise aber derzeit fundamental misstrauen und sich gegenseitig kein Geld mehr leihen, ist diese Geldquelle versiegt. Bei der Depfa klafft eine viele Milliarden Euro umfassende Liquiditätslücke, deren Dimension auch der Mutterkonzern nicht schultern kann.

Für irische Banken hat die dortige Regierung wegen der tobenden Finanzkrise vorige Woche Garantien übernommen, die jetzt auch auf die Depfa ausgedehnt werden könnten. Es gebe Signale in diese Richtung, sagt Obermeier. Über die Dimension der irischen Staatsgarantien schweigt er.

Die HRE ist ein mit anderen Banken eng verflochtener Immobilien- und Staatsfinanzierer, dessen Kollaps einen kaum noch zu stoppenden Domino-Effekt auslösen könnte. Bundesbank und die deutsche Finanzaufsicht Bafin fürchten, dass eine HRE-Pleite „schwerste Störungen der Geldmärkte“ auslösen würde.

Thomas Magenheim-Hörmann

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