Rezession oder was? Die lähmende Stagnation ist weit schlimmer

- Wiesbaden - Die Hiobsbotschaft aus Wiesbaden platzte mitten in die sich mehrenden Zeichen für eine baldige Konjunkturbelebung. Zum dritten Mal in Folge schrumpfte im zweiten Quartal 2003 die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging real um 0,1 % im Vergleich zu den ersten drei Monaten zurück, berichtete das Statistische Bundesamt. Auch das Vorjahresniveau wurde um 0,6 % verfehlt. Die Debatte, ob Deutschland in der Rezession steckt, bekommt Auftrieb.

<P>Viele Ökonomen reagierten mit Unverständnis. Bei Zahlen um die Null-Linie sei dies Haarspalterei. Zudem hat die Wirklichkeit die Frage offensichtlich bereits überholt. Ob Autoindustrie, Einzelhandel oder Gastgewerbe - die optimistischen Stimmen häufen sich. Bereits im dritten Vierteljahr soll das BIP wieder in Trippelschritten vorankommen. Dennoch wird allenfalls 0,2 % Wachstum im Gesamtjahr erwartet.</P><P>Anhänger streng formaler Kriterien verweisen dagegen auf die US-Sichtweise. Die sieht bei zwei Minusquartalen hintereinander eine Rezession. Bereits im ersten Vierteljahr 2003 mit Minus 0,2 % und im Schlussquartal 2002 mit einer roten Null waren Einbußen notiert worden.</P><P>Die meisten Volkswirte halten den Begriff Rezession für falsch, um die Lage zu beschreiben. "Die technische Sichtweise greift zu kurz", sagt Ulrich Ramm, der Chefvolkswirt der Commerzbank. Deutschland stecke vielmehr in einer lähmenden Stagnation, die bereits mehr als drei Jahre dauere. Ähnlich lang trat die Volkswirtschaft Anfang der 80er auf der Stelle.</P><P>Die aktuelle Situation ist vielleicht sogar prekärer als bei einem Konjunkturabschwung. Nach den Lehrbüchern folgt in einem solchen Fall automatisch der Aufschwung, die Arbeitslosigkeit nimmt ab. Die festgefressene Stagnation jedoch lässt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich weit zurückfallen. "Wir befinden uns seit zwölf Quartalen auf Nullfahrt, das ist doch die echte Brisanz", argumentiert der Chefvolksvolkswirt der Deka-Bank, Michael Hüther.</P><P>Der private Konsum und die Investitionsneigung der Unternehmen sind aus Unsicherheit über die weitere Entwicklung in Deutschland zu schwach, um das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Zwar wird aus der Binnennachfrage der Schwung fürs zweite Halbjahr erhofft. Doch löst sich dabei lediglich ein Nachfragestau auf - und das voraussichtlich nur sehr zögerlich wegen der Angst vor Arbeitslosigkeit. Erst 2004 wird mit mehr Kauflust bei den Verbrauchern gerechnet, nicht zuletzt wegen der vorgezogenen Steuerreform.</P><P>Stützbein Export schwankt bedenklich</P><P>Das normalerweise starke Stützbein Exporte fällt aus. Die Ausfuhren sollen 2003 im Vergleich zu den Vorjahren mit 3 % bescheidener zulegen. In der ersten Jahreshälfte bremsten zudem der Höhenflug des Euro und die ostdeutschen Metallerstreiks den Außenhandel. Diese beiden Sondereffekte fallen in der zweiten Jahreshälfte weg. Der Euro-Kurs hat sich im Vergleich zum Dollar wieder stabilisiert, die Autoindustrie holt langsam die Produktionsausfälle des Juni auf.</P><P>Erst 2004 sehen die Ökonomen wieder echte Wachstumsraten für Deutschland: 1,3 bis 2,0 % werden erhofft.</P>

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