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„Ich bin der Mann für die Rahmen“, sagt Werner Murrer, der in seiner Thalkirchener Werkstatt auch mal Wünsche ablehnt, wenn Bild und Umrahmung einfach nicht zusammenpassen.

Mittelstand im Blickpunkt

Der richtige Rahmen für Kunst aus aller Welt

München - Der 50-jährige Werner Murrer setzt Alte Meister, Impressionisten oder Expressionisten in den richtigen Rahmen. Das alles von seiner Werkstatt mitten in Thalkirchen aus.

München – Die postkartengroße japanische Tuschezeichnung ist ganz offensichtlich kein einfacher Fall. Vier schwarze Rahmenecken liegen lose auf der Ober- und Unterkante des Passepartouts. Werner Murrer überlegt. Wie wurden Vergleichsstücke früher gerahmt? Wie sahen alte Rahmen-Eckverbindungen damals in Japan aus? Die Besitzerin, mit adrett frisierten weißen Haaren und strenger Brille, möchte es so originalgetreu wie möglich. „Dann brauchen wir einen asiatischen schwarzen Rahmen aus dem 19. Jahrhundert. Mit den passenden Eckverbindungen, die nun eigens für diese Kundin in meiner Schreinerei gesägt werden.“

In Werner Murrers 500 Quadratmeter großen Verkaufsraum in Münchner Stadtteil Thalkirchen riecht es leicht nach Holz und Spänen, aber im Gegensatz zu einer reinen Schreinerei ist kaum etwas zu hören. Das Kunstwerk des Rahmenbauens ist ein Leises. Die Konzentration im Verkaufsraum, der zugleich als Glaserei und Werkstatt dient, darf nicht gestört werden. Zehn Mitarbeiter vergolden, verglasen und bestücken auf zwei Etagen die Rahmen. Im Keller ist die Schreinerei. In Murrers Werkstatt sind über 2000 antike Rahmen gelagert. Sortiert nach Alter, Größe und Beschaffenheit.

Werner Murrer ist Autodidakt. Für Rahmenbauer gebe es ja keine direkte Ausbildung, sagt er fast entschuldigend, obwohl er inzwischen den Titel „geprüfter Bildereinrahmer“ der Handelskammer Stuttgart trägt und Vorsitzender der Prüfungskommission ist. Bis er selbst schließlich bei den Rahmen gelandet ist hat Murrer einen langen Bogen in seinem Lebenslauf gezogen. Nach einem kurzen Intermezzo bei den Theaterwissenschaften wurde aus einem zufälligen Studentenjob bei der Münchner Galerie Thomas ein Vollzeitjob. „Ich wollte damals, 1985, eine eigene Galerie besitzen.“ Vor allem die zeitgenössische Kunst gefiel Murrer. Bloß hatten viele Exponate damals einen Mangel. Es gab einfach keine passenden Rahmen. Mit der alten Handgehrungssäge seines Großvaters fertigte er darum selbst Birnbaumrahmen für die Gemälde an, die er ausstellen wollte. „Die, die man kaufen konnte, waren einfach nichts“, zuckt er die Schultern. Die, die er gemacht hat, hingegen schon.

Fand auch Helmut Friedel, Direktor der Städtischen Galerie im Münchner Lenbachhaus. Seitdem ist das Lenbachhaus ein treuer Kunde. Bis heute. Für die Rahmen natürlich – nicht für die Bilder. „Ich hatte ab da quasi zwei Jobs, meine Arbeit in der Galerie und das Rahmenbauen“, erzählt Murrer. Aber die Doppelbelastung ging nicht ewig gut, nach fünf Jahren hat sich Murrer als Rahmenbauer selbstständig gemacht. „Außerdem konnte ich keine Kunst verkaufen, ich bin der Mann für die Rahmen.“

Erst letztens hat der Rahmenmeister einen 4 mal 5 Meter großen Rahmen für das Münchner Maximilianeum gebaut. Die Herausforderung: Er muss nicht nur zum Gemälde passen, sondern auch zum daneben hängenden Gemälde von Friedrich Wilhelm Kaulbach. Davor ging ein Spezialtransport aus der kleinen Münchner Werkstatt an die alte Pinakothek in München. Inhalt: Die wohl aufwändigste Rahmung eines Werkes von Andrea del Sarto.

„Wenn es keine Dokumentation über einzelne Bilder gibt, hilft manchmal das Ursprungsland weiter“, sagt Murrer. In Italien wurde zum Beispiel traditionell Pappel-Holz für Rahmen verbaut, in Frankreich Eiche, Spanien ist für Nadelbäume bekannt und Deutschland für Linde. „Kompliziert wird es, wenn sich Indizien im Laufe der Zeit ändern.“ Deutschland war früher voller Birnbäume. „Das spiegelte sich auch in den Rahmen wider.“ Heute dagegen gebe es kaum noch Birnbäume und entsprechend sei dieses Holz auch kaum noch zu bekommen.

Dass vom „richtigen“ Holz bis zum „richtigen“ Rahmen dann immer noch ein weiter Weg ist, hat mit einem ganz speziellen Problem zu tun. Anders als Antiquitäten haben alte Rahmen die Jahrhunderte meist nicht überstanden. Es gibt also schlicht keine Vorbilder. „Stellen Sie sich vor, die haben im Barock Bilderrahmen aus der Renaissance einfach weggeworfen!“ Manchmal leidet der Meister. „Für meinen Geschmack haben viel zu viele Bilder einen Pseudo-Barock-Rahmen. Im eigenen Geschäft zieht der an sich freundliche und tolerante Mann dann auch Grenzen. „Der Kunde ist König, aber zum Kirchner einen Goldrahmen verkaufe ich nicht. Denn meine Lebensaufgabe ist es einfach, der Kunst den richtigen Rahmen zu geben.“

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