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Welche Spur führt zum Ziel?

Die richtige Strategie im Stau

München - Wer mit dem Auto in den Urlaub fährt, der rechnet damit: Vor der Erholung warten kilometerlange Staus. Was tun? Sollte man von der Autobahn abfahren? Oder schicksalsergeben Kurs halten? Wir haben Lösungen.

Kommt es zu einem Stau, fahren manche gleich von der Autobahn ab. Dabei schaffen gut ausgebaute Fernstraßen etwa drei Mal so viel Verkehrsaufkommen wie Umgehungsstraßen. Für Stauforscher Michael Schreckenberg, Professor für Physik von Transport und Verkehr an der Uni Duisburg-Essen, gibt es nur eine Antwort: durchhalten statt rausfahren. Das sei klüger und schneller als das Ausweichen auf Nebenstraßen. Ausnahme sei eine Vollsperrung. Dann sollte man so bald wie möglich runter von der Autobahn. „Das Umfahren lohnt sich unterm Strich nicht“, sagt der Wissenschaftler. Fahren nur zehn Prozent der Autofahrer ab, sei jede Alternativroute schon nach kurzer Zeit ebenfalls dicht.

Klingt plausibel, hätten die meisten Autofahrer nicht einen digitalen Lotsen an Bord, der penetrant zum Abfahren auf die Landstraße rät. Hat ein hochmodernes Navigationsgerät nicht den besten Durchblick? Nein. Denn je schlechter die Datenlage des Systems, desto schlechter seine Prognose, heißt es beim Münchner Autoclub ADAC.

Wer sich auf sein Navi verlässt, steuert oft erst so richtig in den Stau hinein, wie ein Team von Redakteuren der ADAC-Mitgliederzeitschrift „Motorwelt“ im Selbstversuch herausfand. Weil so viele der gut 20 Millionen Navi-Besitzer auf ihr Gerät hören, ist die empfohlene Ausweichroute dann garantiert dicht. Navis schafften oft erst die Stau-Probleme, die sie eigentlich mit ihren Ausweich-Empfehlungen lösen wollten, erklären die Experten.

Das Vertrauen in die Technik sollte sich in Grenzen halten, rät auch Wissenschaftler Schreckenberg: „Navis wollen ihren praktischen Wert beweisen, indem sie immer zum Umfahren raten.“ Doch darauf sei längst nicht immer Verlass. Die Datenlage der Geräte sei keinesfalls perfekt.

Jede 3. Staumeldung ist falsch

Die Stiftung Warentest kam kürzlich jedoch zu einem anderen Ergebnis. Mit dem neuen, kostenpflichtigen Dienst „HD Traffic“ des Navi-Herstellers TomTom waren die Tester bei einem großen Stau im Ruhrgebiet drei Stunden früher am Ziel. Die noch nicht ganz ausgereifte Technik nutzt die Bewegungsdaten von Handynutzern und leitet auf die Straßen um, die noch nicht verstopft sind. Fazit: „Im extremen Stauchaos konnten Echtzeit-Verkehrsdienste dort, wo es geeignete Umgehungsrouten gibt, eine echte Hilfe sein.“

Von Stauwarnungen aus dem Radio solle sich grundsätzlich niemand verrückt machen lassen, sagt Alfred Fuhr, Leiter des Instituts für Verkehrssoziologie beim Autoclub AvD. Jede dritte Verkehrsmeldung des Rundfunks sei demnach schon überholt, wenn sie verlesen wird. Fast zwei Drittel der Navi-Nutzer haben nach einer repräsentativen ADAC-Umfrage auch schon einmal falsche, veraltete Staumeldungen von ihrem Gerät bekommen. Trotzdem fährt fast die Hälfte der Autofahrer ratzfatz von der Autobahn ab, wenn ein Stau gemeldet wird, hat Schreckenberg bei Untersuchungen herausgefunden.

Stoisch bleiben heißt siegen

Der Wissenschaftler nennt diese Gruppe die „Sensiblen“. Wer zum Typ der „Taktierer“ oder „Zocker“ gehört, fährt dagegen unerschrocken aufs Stauende zu. Ihr Credo: Bis ich dort bin, hat sich das Ganze schon wieder aufgelöst. Und die „Konservativen“ ignorieren Stau-Warnungen einfach. Zu ihnen gehört die kleine Untergruppe der „Stoiker“, die nicht nur Staumeldungen in den Wind schlagen, sondern auch immer stur die gleiche Route zum Ziel fahren. Sie machen es offenbar richtig. Sie kommen jedenfalls am schnellsten an, hat der Wissenschaftler herausgefunden.

Sicher ist aber: Vor über zehn Jahren gab es in Deutschland nicht einmal halb so viele Staus wie heute. Verantwortlich sind dafür nicht nur die Navis, sondern unter anderem auch der ständig wachsende, europaweite Güterverkehr.

Die Fahrt in den Urlaub sollte lieber antizyklisch geplant sein, also nicht gerade an stark frequentierten Sommerwochenenden, empfiehlt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Stop-and-go-Fahrten bedeuteten immer Stress. Die meisten Unfälle passierten ausgerechnet dann, wenn ein Stau sich endlich auflöse.

Von Berrit Gräber und Thierry Backes

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