Das riskante Geschäft Kino: Die Rivalen der Leinwand

München - Als der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison 1891 mit seinem Kinematographen die Filmkamera erfand, schuf er die Basis für eine weltweite Milliarden-Industrie: das Kino. Die Lichtspiel-Branche rechnet hierzulande mit stabilen Geschäften. Doch gerade mancher kleine Betrieb hat zu kämpfen.

Jeder Deutsche geht im Schnitt etwa zweimal im Jahr ins Kino. Insgesamt spielten die Betreiber von Filmtheatern im vergangenen Jahr so gut 814 Millionen Euro ein. Bis zum Ende dieses Jahres soll es - trotz bestenfalls stagnierender Besucherzahlen - etwas mehr sein, erwartet der Verband HDF Kino. Doch in kaum einer Branche sind Voraussagen so schwer wie im Kinogeschäft.

Kino - das ist "rauf und runter", sagt Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender des HDF Kino und Betreiber von drei Filmtheatern in Bayern. Wie in vielen Branchen liegt es an der Konjunktur oder auch dem Wetter, wie das Geschäft läuft. Doch dazu kommt die Abhängigkeit von den "Traumfabriken" der Filmindustrie: "Wir sind darauf angewiesen, dass der richtige Film zur richtigen Zeit kommt. Man muss immer den Geschmack der Besucher treffen", erklärt Negele. "Das ist ein riskantes Geschäft." Und eines, das gerade in Deutschland von der Form der Filmindustrie abhängt: "Wir haben etwa einen Zwei-Jahres-Rhythmus, in dem der deutsche Film gut abschneidet. In Deutschland sind wir noch nicht so weit, dass wir jedes Jahr so viele erfolgreiche Filme herausbringen können, dass wir kontinuierlich einen Marktanteil von 25 Prozent und mehr erreichen."

Das Filmangebot verteilt sich auf fast 5000 Leinwände in Deutschland. Die sehen sich nach Negeles Beobachtung verstärkter Konkurrenz durch das Fernsehen ausgesetzt, das sich "immer mehr in Richtung Kino" bewege. Andere in der Branche sehen auch einen harten Wettbewerb in den eigenen Reihen. Der wird seit einigen Jahren durch sogenannte Multiplex-Betriebe angeheizt. Dies sind Großkinos, die meist zusätzlich Cafés oder Restaurants bieten und teils zu Kinokonzernen wie der börsennotierten Cinemaxx AG gehören. Dass diese Großen die Kleinen fressen, sei eher die Ausnahme, glaubt Negele. Gerade Oberbayern sei "sehr flächendeckend" mit Kinos versorgt, es gebe eine "vernünftige Entwicklung". Doch nicht jeder teilt diese optimistische Sicht.

Zwei Minuten vom Münchner Hauptbahnhof entfernt, in der Dachauer Straße, steht das älteste Kino der Welt. Das 1907 gegründete, heutige Neue Gabriel hat in den hundert Jahren seines Bestehens viel überstanden. Anfangs saßen die Besucher auf Bierbänken. Als der Fernseher immer verbreiteter wurde, hielt man sich mit Pornos über Wasser, ehe Hans Walter Büche, der das Kino in dritter Generation führt, in den 90er-Jahren den Betrieb modernisierte und die Wende zum klassischen Kinoprogramm einleitete.

Doch gerade seit im Jahr 2003 etwa zwei Minuten in entgegengesetzter Richtung vom Hauptbahnhof der Mathäser eröffnet hat - ein Multiplex-Palast mit 14 Sälen und über 4000 Plätzen ­, tut sich das Neue Gabriel mit zwei Sälen und weniger als 300 Plätzen schwer. "Die Zukunft des Einzelkinos ist sehr trübe", sagt Gabriel-Chef Büche. "Die Besucherzahlen gehen zurück wegen Fernsehen und neuer Heimkino-Technik. Und die Multiplexe sind eine harte Konkurrenz. Die Jugend wird so was wohl eher wollen", glaubt er. "Wir werden nächstes Jahr anschauen. Und dann? Ich mache keine Prognosen."

Susanna Mair, die mit ihrer Schwester vier Kinos in Fürstenfeldbruck, Gilching und Gröbenzell betreibt, rechnet nicht mit einer Entspannung am Markt: "Es wird bestimmt schwieriger. Man muss sich viel mehr um die Besucher bemühen." Man setze dabei auf mehr Service, mehr Komfort, mehr Tonqualität. Und Mair beschwört das spezielle Kinoerlebnis: "Jeder Film, der bei uns läuft, ist im Fernsehen nicht halb so gut."

Höhere Preise sind im Markt offenbar nicht durchzusetzen. Einer Statistik der Filmförderungsanstalt zufolge liegt der Durchschnittspreis für eine Kinokarte in Deutschland bei knapp sechs Euro - seit fünf Jahren praktisch unverändert. Dennoch ist die Zahl der Kinoleinwände stabil. "Die, die aufhören, werden fast immer ersetzt", sagt Verbandschef Negele. Dabei wird es auch bleiben, glaubt Frank Mackenroth vom Beratungsunternehmen PriceWaterhouseCoopers. "Mittelfristig wird sich die vorhandene Kapazität von knapp unter 5000 Leinwänden nicht verändern", lautet sein Fazit einer Studie über die Aussichten der Branche von 2006 bis 2010. Allerdings werde sich die Schere zwischen lukrativen Betrieben und schwächelnden Anbietern öffnen. Das Kino müsse sich stärker bewusst machen, dass es nicht nur in Konkurrenz zu Unterhaltungsmedien im Wohnzimmer stehe, sondern auch zu einer "immer anspruchsvolleren Freizeit- und Eventlandschaft".

Dem trägt Negele Rechnung. Wer eines seiner drei Kinos besucht - darunter der Citydome in Rosenheim ­, findet dort auch Klein-Brauerei, Café und Veranstaltungshalle. Der promovierte Jurist sieht seine Filmzentren als "Begegnungsstätte". Und er setzt auf unkonventionelles Programm wie Reisedokumentationen oder Opern-Übertragungen. Das könnte zum Trend in der Branche werden, wenn voraussichtlich 2008 die Digital-Technik in die Kinos kommt. Diese werde nicht nur die Möglichkeiten bei der Werbung "komplett verändern". Sie biete auch "ungeahnte Möglichkeiten" im Programm, etwa Live-Übertragungen von Sportereignissen aus aller Welt oder Vorabausstrahlungen von Fernsehsendungen.

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