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„Die Zentralbank druckt Geld“: Experten rechnen mit weiter sinkenden Zinsen.

Geldpolitik

Der riskante Kurs der Notenbanken

München – Im Kampf gegen eine globale Kreditklemme pumpen die Zentralbanken immer mehr Liquidität in den Wirtschaftskreislauf. Das ist alternativlos, aber riskant: Sollten sie den Geldhahn nicht rechtzeitig wieder zudrehen, bereiten sie den Boden für die nächste Krise.

Kaum einer rechnet damit, dass es schon heute so weit sein wird. Aber bei der nächsten Zinssitzung im Frankfurter Euro-Tower, am 5. März, wird der Rat der Europäischen Zentralbank wohl wieder handeln und den Leitzins erneut senken. So haben zumindest viele Analysten die jüngsten Aussagen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet gedeutet. Liegen sie richtig, wird der Zins auf den niedrigsten Stand seit 1999 fallen, dem Geburtsjahr des Euro.

Im Sauseschritt steigt die EZB seit Herbst die Zinstreppe hinab. Mussten die Geschäftsbanken Anfang Oktober noch mindestens 4,25 Prozent bezahlen, um sich Zentralbankgeld zu leihen, sprangen die Währungshüter in vier schnellen Sätzen auf die Zwei-Prozent-Stufe – so tief wie zuletzt im Juni 2003. In vier Wochen könnten es nur noch 1,5 Prozent sein, sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Billiger war Geld im Euro-Raum nie.

Die Zentralbank stemmt sich mit aller Macht gegen die wohl heftigste Weltrezession seit Jahrzehnten. Während die Regierungen mit zusätzlichen Milliardenausgaben die Wirtschaft am Leben halten wollen, öffnen die Geldpolitiker die Schleusen. Mit einer Liquiditätsschwemme soll die stockende Kreditvergabe angeleiert werden. „Das ist die richtige Antwort auf den massiven Abschwung“, sagt Andreas Bley, Ökonom beim Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken in Berlin.

Das Problem: Die Finanzkrise hat viele Geldhäuser um große Mengen Kapital gebracht. Liquidität wird deshalb gehortet oder nur mit saftigen Aufschlägen verliehen. Doch kosten Darlehen zu viel, können Firmen nicht investieren; die Wirtschaft wird ausgebremst. Nun soll günstiges Zentralbankgeld die stotternde Kreditmaschinerie schmieren. Den gleichen Schlachtplan wie die EZB verfolgen derzeit alle Notenbanken.

Leitzins null Prozent

Noch hat die Mannschaft um Jean-Claude Trichet Spielraum, an der Zinsschraube zu drehen. Die Zentralbanker in Japan und den USA hingegen haben ihr Pulver bereits verschossen. So senkte die Federal Reserve (FED) in Washington die Leitzinsen im Dezember auf null Prozent, nachdem sie Mitte 2007 noch bei über fünf Prozent standen. Fed-Chef Ben Bernanke brachte dieser Schritt den Spitznamen „Helikopter-Ben“ ein. Er wird als fliegender Notarzt gesehen, der Geld über klamme Banken und Unternehmen regnen lässt. In Europa, wo die Lage nicht ganz so prekär ist, gilt so ein Szenario derzeit als unwahrscheinlich. Der Geldtheoretiker Gerhard Illing von der LMU München schließt einen Leitzins von Null aber auch im Euroraum nicht aus, sollte die Wirtschaftsleistung massiv einbrechen.

Selbst die Niedrigzins-Politik lässt in den USA die Kreditströme noch nicht wieder ausreichend fließen. Zugleich geht die Angst vor dauerhaft sinkenden Preisen – einer Deflation – um. Die Fed verfolgt deswegen seit einigen Wochen eine als „Mengenpolitik“ bezeichnete Strategie. Oder wie Unicredit-Volkswirt Andreas Rees sagt: „Sie druckt Geld.“

Tatsächlich lässt Bernanke nicht die Notenpresse heißlaufen. Aber der mächtigste Geldpolitiker der Welt kauft den Banken im großen Stil faule Wertpapiere ab und schafft so weitere Liquidität, um die ausgedörrten Märkte zu beleben. Dabei geht es etwa um mit Hypotheken besicherte Anleihen mit einem Nennwert von 500 Milliarden Dollar, die den verstaatlichten Instituten Fannie Mae und Freddie Mac gehören. Auf diese Weise soll die krisengebeutelte Immobilienwirtschaft stabilisiert werden.

Darüber hinaus bereitet sich die Fed auf einen Schritt vor, der als „ultima ratio“ gilt: den Kauf von US-Staatsanleihen. Dadurch würde sie die Rendite dieser Schuldtitel drücken, was Verbraucher und Firmen entlasten würde. Denn häufig bemessen sich die Finanzierungskonditionen in den USA an Staatspapieren.

Greenspans Fehler

„Die Fed hat in dieser dramatischen Situation keine andere Wahl“, sagt Allianz-Mann Heise. Gefährlich wird ihre expansive Strategie und die anderer Notenbanken nach Ansicht vieler Beobachter jedoch, wenn sie die Zügel nicht rechtzeitig wieder anziehen. Dann drohen nicht nur hohe Inflationsraten, die sich bei eifriger Geldschöpfung früher oder später einstellen. Nicht abgesaugte Liquidität könnte zudem eine neue Spekulationsblase aufpumpen.

Wie das geht, ließ sich nach der Jahretausendwende in den USA beobachten. Der damalige Fed-Chef Alan Greenspan galt als tollkühn, weil er den Leitzins ungewöhnlich lang im Keller ließ, um die Wirtschaft zu stimulieren. Heute wird der nuschelnde Greenspan nicht selten als Vater der Finanzkrise bezeichnet: Seine Politik des billigen Geldes schuf Liquidität im Überfluss, die zur Überhitzung des US-Häusermarktes führte. Allianz-Ökonom Heise: „Das darf sich nicht wiederholen.“

EZB-Zinssitzungen

5. Februar 2009
5. März 2009

von Florian Ernst

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