Rivale BOC gestattet Übernahme: Linde wird neuer Weltmarktführer

- München/Wiesbaden - Bei der Linde AG steht ein tief greifender Umbau bevor. Der bisherige Misch-Konzern will sich künftig auf seine Gassparte fokussieren und strebt in diesem Bereich mit der milliardenschweren Übernahme der britischen Firma BOC nach der Weltmarktführerschaft. Es gilt deswegen als wahrscheinlich, dass das deutsche Traditionsunternehmen mittelfristig sein zweites Standbein - den Bau von Gabelstaplern - abstoßen wird.

Wie Linde am Montag bekannt gab, hat die BOC-Führung ein Kaufangebot von 16 Britischen Pfund (ca. 23,30 Euro) je Aktie akzeptiert. Der Aufsichtsrat des bisherigen Wettbewerbers werde seinen Aktionären empfehlen, die Offerte anzunehmen, hieß es. Vor einigen Wochen hatte Linde 15 Pfund geboten, was die Briten jedoch als zu niedrig abgelehnten. Insgesamt lässt sich das Unternehmen mit Sitz in Wiesbaden die Transaktion nun an die 15 Milliarden Euro kosten. Damit spielt nach Adidas (Reebok) und Eon (Endesa) erneut ein deutscher Konzern eine aktive Rolle im internationalen Übernahme-Geschehen.

"Die beiden Gashersteller Linde und BOC ergänzen sich hervorragend", ließ Linde-Vorstandschef Wolfgang Reitzle mitteilen. Nach Worten des Ex-BMW-Managers gibt es kaum regionale Überschneidungen zwischen den Firmen, weswegen er auch keine Probleme mit den Kartellbehörden erwartet. Auch die Produktpaletten ergänzten sich perfekt. Gleichwohl verspreche das Zusammengehen Synergie-Potenziale von 250 Millionen Euro jährlich, die nach einer sanften Integration vom Jahr 2009 an voll wirksam werden könnten. Einen Jobabbau erwartet Reitzle zumindest in Deutschland und Europa nicht.

Über ein Zusammengehen der beiden Unternehmen, das von Analysten als "Traumhochzeit" bezeichnet wurde, war wiederholt spekuliert worden. Zum einen, weil sie schon länger im Anlagenbau miteinander kooperieren. Zum anderen, weil im von wenigen Anbietern dominierten Markt für Industriegase aus kartellrechtlichen Gründen kaum eine andere Kombination möglich ist. So scheiterte die bisherige Nummer eins, Air Liquide, vor sieben Jahren bei dem Versuch, BOC zu übernehmen, am Veto der Wettbewerbshüter.

Künftig wollen Linde und BOC zusammen die Franzosen überholen. Wie Reitzle ankündigte, soll das neue Unternehmen einen Jahresumsatz von zunächst rund 12 Milliarden Euro erzielen, während Air Liquide zuletzt nur 10,5 Milliarden schaffte. Aus der Umsatz-Angabe hat Konzern-Chef Reitzle bereits die Stapler-Sparte von Linde herausgerechnet, die im Jahr 2005 mit 3,6 Milliarden Euro ein Drittel der Gesamterlöse erzielte. Linde und BOC wollten ein reines Gasunternehmen werden, zu dem auch der damit verbundene Anlagenbau gehöre, sagte Reitzle. Die Zukunft der mittlerweile profitablen Gabelstaplersparte, die mit dem Gasgeschäft nichts verbindet, ist damit ungewiss.

"Wir prüfen alle Optionen", sagte ein Sprecher unserer Zeitung. Nasseer Panju, Chemie- und Pharmaexperte von der Privatbank Hauck und Aufhäuser, meinte auf Nachfrage: "Am Ende steht mit großer Wahrscheinlichkeit ein Verkauf." Allerdings glaubt Panju nicht, dass Linde vor September eine Lösung für die Staplersparte präsentiert, die allein in Bayern 3300 Mitarbeiter beschäftigt. "Solange BOC-Aktionäre und Kartellbehörden nicht ihr Okay gegeben haben, wird Linde nichts formell beschließen", sagte der Analyst.

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