Rote Lippen für rote Machthaber: Mit Moskaus Großauftrag fing's an

- Weilheim - Der Durchbruch kam mit einem Auftrag aus der Sowjetunion - zu einer Zeit, da Geschäfte hinter den eisernen Vorhang noch keineswegs üblich waren: Ende der 70er-Jahre lieferte die Weilheimer Maschinenbaufirma Weckerle zehn Anlagen für die Abfüllung von Lippenstiften nach Russland. Zu Olympia 1980 in Moskau wollte das Regime in den Kaufhäusern ausreichend dekorative Kosmetik aus russischer Produktion anbieten.

<P>Für die damals noch kleine Weilheimer Firma war das der erste Großauftrag. Heute ist das Unternehmen Marktführer: 80 Prozent aller Lippenstifte weltweit werden auf Weckerle-Anlagen abgefüllt. An dem unscheinbaren Gebäudekomplex im Industriegebiet deutet von außen nichts auf weltweite Geschäfte hin. Nur das Wort "Visitor" auf Parkplatzschildern hinter den beiden Werkhallen lässt ausländische Kunden vermuten. Die kommen aus allen Erdteilen: Dior setzt beim Abfüllen ebenso auf das Know-How von Weckerle wie Shiseido, Max Factor, L'Oré´al, Avon, Manhattan, Dr. Scheller-Kosmetik und viele andere. Die Produktion boomt: "Jährlich 12 bis 15 Anlagen" fertigen die Maschinenbauer nach Auskunft von Geschäftsführer Thomas Weckerle (34), der das Unternehmen vor zwei Jahren von Vater und Firmengründer Peter übernahm.</P><P>Was heute führend auf dem Weltmarkt ist, begann 1972 als Einmannbetrieb in Peißenberg: Maschinenbauer Peter Weckerle lieferte im Lohnauftrag Dreh- und Frästeile für Siemens. Der Wendepunkt kam, als Weckerles Ansprechpartner bei Siemens zu Avon wechselte und ihn zu einer Werksbesichtigung lud. Lippenstifte wurden damals noch per Hand abgefüllt, Weckerle erkannte eine Marktnische. Seine erste Lippenstiftmaschine wurde 1973 ausgeliefert.</P><P>In der Branche machten die Weckerle-Maschinen Furore. Als erster Großkunde bestellte Max Factor aus Los Angeles 1975 zwei Abfüllanlagen für Lippenstifte, der Großauftrag für Russland folgte. 1977 wurde in den USA die erste Auslands-Niederlassung gegründet, vor Ort vertreten ist Weckerle mittlerweile auch in der französischen Schweiz und in Brasilien, dem laut Thomas Weckerle "drittgrößten Kosmetikmarkt weltweit". Grund für die Präsenz im Ausland: "Wir sind nahe beim Kunden und sprechen die gleiche Sprache", so Weckerle.</P><P>Weltweit beschäftigt die Weckerle-Gruppe heute 240 Mitarbeiter - davon 65 im Maschinenbau in Weilheim und 75 in der Kosmetikproduktion in Peißenberg. 1984 verlegte Weckerle den Maschinenbau von Peißenberg nach Weilheim. Hier produziert sie zwar auch Tubenfüllanlagen zum Beispiel für Senf oder Zahnpasta, hauptsächlich aber konzentriert sie sich auf die Kosmetikanlagen. "Das ist das Kerngeschäft, und das wird forciert", sagt Weckerle.</P>

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