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Seit vier Jahren ist Rudolf Staudigl (57) Vorstandsvorsitzender der Wacker Chemie AG, die in über 100 Ländern aktiv ist und über 17.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Staudigl: "Industriestandort Deutschland in Gefahr"

München - Rudolf Staudigl im Interview: Der Chef der Wacker Chemie AG spricht mit dem Münchner Merkur über hohe Strompreise, die Chancen der Photovoltaik und die marode Infrastruktur in Burghausen.

Die in der Sonne blitzende Zugspitze im Rücken lenkt Rudolf Staudigl von München-Neuperlach aus einen Weltkonzern. Das traumhafte Bergpanorama von seinem Büro im fünften Stock aus nimmt der Chef der Wacker Chemie AG jedoch nur selten wahr. „Oft frag ich meine Frau am Abend, wie eigentlich das Wetter war“, erzählt er schmunzelnd. Es gibt eben viel zu tun. Für ein Gespräch mit unserer Zeitung nimmt sich der 57-Jährige Zeit und erklärt, weshalb die Strompreise für Verbraucher steigen müssen, die Photovoltaik-Technologie noch lange nicht am Ende ist und seine Geduld bei der Infrastruktur im bayerischen Chemiedreieck gehörig strapaziert wird.

Herr Staudigl, Wacker Chemie ist mit über 3500 Produkten auf dem Markt, die sich in Solarzellen, Kaugummis, Batterien, Fliesenklebern oder auch Baby-Schnullern finden. Wo liegt die Gemeinsamkeit?

All diese Endprodukte für den Verbraucher benötigen in der Herstellung spezielle Zusatzstoffe, und die können wir liefern. Wir sind einer der weltweit größten Spezialisten der Silizium-Technologie mit den entsprechenden Produkten. Auch in der Polymer-Chemie haben wir einen sehr guten Stand, einer unserer Schwerpunkte sind hier Produkte für den Bausektor. Und dann haben wir noch ein relativ kleines, aber vielversprechendes Biotechnologie-Geschäft.

Liegt in der Bandbreite die Stärke Ihres Konzerns?

Es ist ohne Zweifel eine Stärke der Wacker Chemie, in sehr viele Industriebereiche zu liefern und eben nicht nur auf einem Bein zu stehen. So können wir ausgleichen, wenn ein Bein mal schwächer ist.

Wie im vergangenen Jahr der Photovoltaik-Markt, den Wacker mit Polysilizium zur Herstellung der Solar-Module beliefert.

Drei Viertel des Jahres liefen ja sehr gut. Im vierten Quartal aber sind die Mengen und auch der Preis für Polysilizium zurückgegangen – und auch im Halbleiter-Bereich. Wir hatten also zwei Bereiche, die in den letzten Monaten des Jahres weniger stark waren. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass in den Jahren zuvor die Preise für Polysilizium sehr hoch waren und sich jetzt eher normalisiert haben.

Hat sich da eine Art „Sonnen-Blase“ aufgebaut, die nun geplatzt ist?

Durch die Einspeisevergütung waren Investitionen in Photovoltaik-Anlagen sehr rentabel. Der Bedarf nach Polysilizium war extrem hoch, so dass sehr hohe Preise erzielt wurden. Diese Übertreibung im Markt ist nun zurückgegangen.

Wie verändert das die Photovoltaik-Industrie und den Energie-Sektor?

Deutschland war lange Zeit ein absoluter Vorreiter in Sachen Photovoltaik und hat dieses Thema durch hohe Subventionen vorangetrieben. Das hat viele Wettbewerber angezogen. Daraus ist ein intensiver Preiskampf entstanden, der die Installation von Photovoltaik massiv verbilligt hat. So ist man heute in der Lage, Photovoltaik-Strom sehr günstig herzustellen.

Wie günstig?

Die Preise für Photovoltaik-Systeme haben sich hier in den vergangenen sechs Jahren mehr als halbiert und die Kosten für Solarstrom aus Freiflächenanlagen liegen heute bei etwa 12 Cent pro Kilowattstunde. Damit wurde durch Photovoltaik gewonnener Strom immer wettbewerbsfähiger. Bis 2015 dürften diese Kosten in Deutschland sogar auf unter zehn Cent fallen. Das macht die Photovoltaik sehr attraktiv.

Was erhoffen Sie sich vom Bau eines neuen Polysilizium-Werkes in Tennessee – mit 1,8 Milliarden Dollar die größte Investition in der Geschichte des Konzerns? Sind die USA ein interessanter Markt?

Die Wachstumsmärkte der Photovoltaik sind vor allem Europa, China, Indien, Japan und auch die USA. Aber das Werk in Tennessee bauen wir in erster Linie, weil die Rahmenbedingungen dort optimal für eine solche Investition sind. Die Stromkosten sind dort sehr viel günstiger und wir verringern mit einer Produktion im Dollarraum unser Wechselkursrisiko. Die Mengen aus den USA gehen dann dorthin, wo die Produzenten für Photovoltaik-Module sitzen.

Wacker macht bereits über 80 Prozent seines Umsatzes im Ausland – wie wichtig ist Deutschland?

Der Heimatmarkt ist immer wichtig, denn da muss man stark sein, um auch international erfolgreich sein zu können. Deutschland ist eines der wichtigsten Industrieländer und weil wir praktisch nur die Industrie beliefern und nicht den Konsumentenmarkt, dürfen wir Deutschland nicht vernachlässigen.

Während viele Konzerne nur mehr ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Deutschland belassen, ist Wacker auch ein gewaltiger Produzent in Burghausen und Nünchritz. Was hält Sie hier?

Wir haben hier in Deutschland sehr gut ausgebildete Mitarbeiter. Unsere Standorte hierzulande sind über Jahrzehnte gewachsen. Die Produktionsprozesse sind hervorragend eingespielt, laufen im Verbund und greifen wie ein Uhrwerk ineinander. Das bringt Kostenvorteile, hohe Ausbeuten und hervorragende Qualität der dort hergestellten Produkte. Außerdem: Großchemie-Anlagen lassen sich nicht einfach so versetzen.

Wenn über 70 Prozent des konzernweiten Stromverbrauchs auf Deutschland entfällt, wie oft haben Sie angesichts der hohen Strompreise hierzulande in Gedanken schon mal alles zusammengepackt?

(lacht) Die Strompreise sind genau der Grund, warum wir die nächste große Produktionsanlage in den USA bauen. In Deutschland kann derzeit niemand prophezeien, wohin sich der Strompreis tatsächlich entwickeln wird. Wettbewerbsfähige Stromkosten sind eine der großen Herausforderungen der Energiewende.

Wie sehr hemmt diese Unsicherheit die Industrie?

In der chemischen Industrie bedeuten hohe Strompreise hohe Produktionskosten, weil die Produktion sehr energieintensiv ist. Deshalb sind hohe Strompreise schädlich. Wenn in Deutschland die Energie-Preise also so hoch bleiben oder weiter steigen, dann werden wir eine schleichende Deindustrialisierung in Deutschland feststellen und das halte ich für sehr problematisch. Da muss etwas getan werden. Der Industriestandort Deutschland ist in Gefahr.

Wo liegt die kritische Marke beim Preis?

Ein Industrie-Strompreis kleiner oder gleich sechs Eurocent wäre erforderlich. Derzeit liegen wir fast beim Doppelten. Wenn der Industriestrom günstiger werden soll, um die Arbeitsplätze im Land zu halten, werden wohl die Verbraucherstrompreise steigen müssen. Der Realität sollte man ins Auge sehen.

Deutschland ist nicht gerade für seinen extremen Sonnenschein bekannt. Kann sich Photovoltaik da wirklich in dem Maße durchsetzen?

Man darf sich beim Thema Photovoltaik nicht in Deutschland verheddern. Natürlich ist die Technologie im Süden wesentlich attraktiver. Dennoch: Es steckt viel mehr Potenzial in der Photovoltaik, auch für Deutschland, als man momentan wahrhaben will. Man ist etwas photovoltaikmüde geworden, auch weil viele Anbieter in finanzielle Schieflage geraten sind durch die Konkurrenz aus China. Politik und Industrie sollten sich überlegen, wie man die Chancen nutzen kann, statt nur die Probleme zu thematisieren.

Wie sehr engagiert sich Wacker beim Thema Energiespeicherung?

Das ist für uns das wichtige Entwicklungsthema schlechthin. Wir haben dazu einige Entwicklungsprojekte am Laufen. Hier wird sehr intensiv daran gearbeitet, um zum Beispiel die Speicherfähigkeit von Batterien durch Silizium substanziell zu erhöhen. Aber bis man hier aus der Forschung in die Produktion geht, das dauert sicher noch Jahre.

In Geduld üben sind Sie ja gewöhnt – wenn man das Warten auf eine bessere Verkehrs-Anbindung am Standort Burghausen anschaut.

(lacht) Das sind Jahrzehnte. An der A94 wird ja seit 1970 gearbeitet. Solange wird es mit den neuen Speichertechnologien nicht mehr dauern.

Sehen Sie denn eine Besserung bei der Infrastruktur?

Es werden ja immer wieder Autobahnteilstücke fertiggestellt. Aber wenn man sich anschaut, wie lange man für vier Kilometer braucht, kann man schon vom Glauben abfallen. Trotzdem gibt es ernstzunehmende Prognosen, dass bis 2018 die Autobahn zumindest von München bis Marktl durchgehen wird. Aber ich glaube das erst, wenn ich es sehe.

Und wie sieht es bei der Bahnanbindung aus?

Bis auf wenige wirkliche Fortschritte der letzten Jahre ist die Bahnanbindung noch im selben Zustand wie 1897. So eine wichtige Anbindung in das bayerische Chemiedreieck müsste zweigleisig und elektrifiziert sein. Ich bezeichne es seit Jahren als wirtschaftspolitisch verantwortungslos, was hier geschieht beziehungsweise eben nicht geschieht.

Verhindert dieses aus Ihrer Sicht ungünstige Umfeld einen weiteren Ausbau in Burghausen?

Die großen Erweiterungen in Burghausen liegen hinter uns. Gleichwohl bleibt Burghausen ein wichtiger Standort für uns – hier schlägt nach wie vor das Herz der Wacker Chemie.

Stefanie Backs

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