Die Rückkehr der Kernkraft: In Wahrheit nur eine Gnadenfrist

- München - Die russisch-ukrainische Gaskrise hat die Befürworter der Kernkraft aus der Reserve gelockt. Doch von einer Renaissance der einstigen Zukunftsenergie kann kaum die Rede sein.

Von wegen Ausstieg

Schon der "Ausstieg vom Ausstieg" weckt falsche Hoffnungen. Denn auch Rot-Grün hat die Kernkraftwerke nicht abgeschaltet. Alle bis auf eines laufen - die meisten noch für Jahrzehnte. Um den Anteil der Kernkraft zu erhöhen, müsste man in Deutschland neue Atommeiler bauen. Doch daran denkt niemand ernsthaft.

Länger laufen lassen

Was derzeit auf dem Tisch liegt, ist der Vorschlag, die bestehenden Kraftwerke länger laufen zu lassen, um günstigere Strompreise zu erreichen. Dieses Argument haben die Produzenten selbst widerlegt: Die Strompreise wurden in Gebieten mit hohem Atomstrom-Anteil keineswegs maßvoller erhöht. So bleibt vor allem das Argument höherer Versorgungssicherheit.

Uran - für wie lange?

Doch reicht der Kernbrennstoff für die Ewigkeit oder nur für wenige Jahre? Die Einschätzungen klaffen weit auseinander. Die heute sinnvoll abbaubaren Vorräte an Uran, wie es in Kraftwerken gespalten wird, reichen zwischen 39 und 50 Jahre - weniger lang als das Erdöl. Zwar können Forschung und höhere Preise zu einer größeren "Reichweite" führen, doch sorgen zahlreiche Kraftwerkspläne etwa in Asien dafür, dass die Reserven schneller erschöpft sein werden.

Ausgebrütet

Viel länger könnte der Brennstoff mit der Brütertechnologie reichen. In schnellen Brütern wird neben Energie auch neuer Brennstoff erzeugt. Dagegen spricht die Erfahrung: Fast alle entsprechenden Kraftwerke wurden als unwirtschaftlich vom Netz genommen. Doch mehr noch spricht die Art des erbrüteten Brennstoffs gegen den Einsatz: Es ist Plutonium, das als besonders waffentauglich gilt und die Gefahr einer weiteren Verbreitung von Kernwaffen steigert.

Endloses Wasser

Von jeher hatten die Hoffnungen auf die Kernkraft etwas ganz Neues zum Ziel: die Wasserstoff-Fusion. Ein Eimer Wasser für die Energieversorgung eines Landes - war ein gehegter Wunschtraum. Doch ist nicht normales Wasser der Brennstoff, sondern die seltenen Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium. Sie kann man zu Helium-Kernen verschmelzen. In den Ozeanen gibt es auch davon genug. Dass der Prozess funktioniert, demonstriert die Sonne täglich, die ihre Energie daraus zieht. Auf der Erde gibt es bislang nur eine erprobte Nutzungsform: die Wasserstoffbombe. Zur zivilen Nutzung bündeln derzeit alle Industrieländer ihre gesamten Mittel in einem Projekt, mit dem es gelingen soll, den Prozess länger als für einige Sekundenbruchteile zu kontrollieren. Es fehlt ein Technologiesprung, der dem zwischen dem ersten Kochtopf und einer Dampfturbine entspricht. Ob es je zu einer Lösung kommt, steht in den Sternen.

Damit reduziert sich der neue Richtungsstreit um einige Jahre mehr an Restlaufzeit für die Kernkraft. Das langfristige Ziel, selbst der neuen Kernkraftbefürworter, liest sich wie ein rot-grünes Programm: Konkurrenzfähigkeit für regenerative Energieträger und die Abscheidung von Kohlendioxid aus den Verbrennungsabgasen.

Erfolge in diesem Bereich könnten einen anderen Gewinner hervorbringen. Die längst abgeschriebene Kohle. Entsprechend haben sich Lobbyisten zu Wort gemeldet: Der Gesamtverband der deutschen Steinkohle fordert eine Diskussion über die Abhängigkeit von Rohstoffimporten. "Der Gaskonflikt zeigt, dass es sinnvoll ist, sich auf Energieträger zu verlassen, die man im eigenen Land hat", sagte Hauptgeschäftsführer Wolfgang Reichel der WAZ. "Es wäre unsinnig, die heimische Kohle komplett aufzugeben."

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