Kunde im Supermarkt fährt mit Einkaufswagen an Regalen vorbei
+
Alle möglichen Produkte sind von der aktuellen Rückrufwelle betroffen. Das gesundheitsschädliche Ethylenoxid fand sich vor allem in Desserts, Eis und Aufstrichen, aber auch in veganen Käsesticks und Sojacreme.

Rückrufwelle beunruhigt Kunden

  • Corinna Maier
    VonCorinna Maier
    schließen

Bei Lebensmittel-Herstellern läuft eine gewaltige Rückrufwelle. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein mit Ethylenoxid kontaminiertes Produkt zurückgerufen wird. Wir erklären, was Verbraucher dazu wissen müssen.

VON CORINNA MAIER

Viele Verbraucher in Deutschland sind beunruhigt: Erzeugnisse beliebter Markenhersteller, ja sogar Bio-Produkte werden zurückgerufen, weil gesundheitsschädliches Ethylenoxid in ihnen gefunden wurde. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist Ethylenoxid?

Es handelt sich um ein Pestizid und Begasungsmittel, das vor allem zur Desinfektion verwendet wird. In der Europäischen Union darf Ethylenoxid seit 1991 nicht mehr in Pflanzenschutzmitteln enthalten sein, in Deutschland sogar schon seit 1981, erklärt die Verbraucherzentrale Hamburg.

Wie gefährlich ist Ethylenoxid?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung stuft es als krebserregend und erbgutverändernd ein.

Gibt es Grenzwerte?

Einen zulässigen Grenzwert gibt es nicht, Ethylenoxid ist in Lebensmitteln in jeder Dosierung unerwünscht. Die kleinste Menge, die mit derzeitigen Methoden nachgewiesen werden kann, sind 0,05 mg/kg. Dieser Wert wurde in den vergangenen Wochen und Monaten bei einigen Produkten um ein Vielfaches übertroffen.

Wie kommt Ethylenoxid ins Essen?

Zuletzt fand sich der Stoff vorwiegend in Johannisbrotkernmehl und in Guarkernmehl. Beides wird von der Lebensmittelindustrie als Verdickungs- und Geliermittel verwendet. Beide Zusätze werden teils in Ländern außerhalb der EU erzeugt, in denen Ethylenoxid nicht verboten ist. In warmen Ländern wird es gern zur Bekämpfung von Pilzen und Bakterien verwendet.

In welchen Produkten kommt das vor?

„Solche Stabilisatoren sind leider in vielen Produkten gefragt“, erklärt Daniela Krehl, Ernährungsberaterin bei der Verbraucherzentrale Bayern. Vor allem in Desserts wie Puddings oder Cremes wird Johannisbrotkernmehl verwendet. Von Rückrufen betroffen waren zum Beispiel zuletzt auch Eiscreme-Riegel, Kuchen und sonstiges Gebäck, Müsli und Müsliriegel, Salatdressings, Konfitüren und Aufstriche.

Warum kommt ausgerechnet jetzt so eine Rückrufwelle?

„Darüber kann man nur spekulieren“, meint Daniela Krehl. Begonnen haben die Rückrufe vor etwa einem Jahr, als in Sesam und sesamhaltigen Produkten, vorwiegend aus Indien, Ethylenoxid entdeckt wurde. Seitdem ist die Rückrufwelle kaum abgeebbt. Eine Rolle dürfte auch die Intervention der Verbraucherorganisation Foodwatch gespielt haben, die öffentlich darüber informierte, dass trotz einheitlicher Regelungen in der EU in den Sommermonaten in Frankreich 1800 Produkte mit Schadstoffen zurückgerufen wurden, in Deutschland im gleichen Zeitraum nur 54.

Wie sind denn die EU-Regularien?

Die Europäische Union hat sich im Juli (2021) darauf geeinigt, dass alle Lebensmittel öffentlich zurückgerufen werden müssen, die Zusätze enthalten, die mit Ethylenoxid belastet sind, auch wenn im Endprodukt die Nachweisgrenze nicht überschritten wird.

Wie können sich Kunden schützen?

Wer ganz sichergehen will, sollte nichts kaufen, was Johannisbrotkernmehl enthält, rät Ernährungsexpertin Krehl. Der Füllstoff muss in der Zutatenliste genannt werden, entweder unter dem Klarnamen oder mit der E-Nummer E410. Guarkernmehl verbirgt sich auch hinter der Bezeichnung E412. Noch sicherer ist, wer ganz auf verarbeitete Lebensmittel verzichtet und stattdessen mit frischen Waren selber kocht.

Wo gibt es Informationen?

Auf dem Portal lebensmittelwarnung.de werden die aktuellen Rückrufe aufgeführt, auf www.produktwarnung.eu kann man nach einzelnen belasteten Produkten suchen.

Was gilt bei Rückrufen für Verbraucher?

Wer im Vorratsschrank ein Produkt findet, das von einem Rückruf betroffen ist, kann es im Geschäft zurückgeben – in aller Regel auch ohne Kassenbon, wie Daniela Krehl erklärt. Ruft eine große Kette etwas zurück, kann man die Ware in der Regel auch in jeder Filiale zurückgeben, unabhängig davon, wo sie ursprünglich gekauft wurde. Und natürlich gibt es nicht etwa einen Warengutschein, sondern Bargeld zurück. Zuvor sollte man prüfen, ob das Produkt überhaupt zu der zurückgerufenen Charge zählt. Deshalb werden bei Rückrufen Chargennummer und Mindesthaltbarkeit genannt.

Auch interessant

Kommentare