"Rückschlag hat ganz Deutschland getroffen"

München - Erst war es der Gründer des Softwarekonzerns SAP, Dietmar Hopp, dann waren es die Hexal-Gründer Thomas und Andreas Strüngmann, die heuer zig Millionen Euro in heimische Biotech-Unternehmen investierten. Für die Zukunfts-Branche ist die Geldspritze der Milliardäre so willkommen, dass Horst Domdey, Chef der Standortfördergesellschaft Bio-M im Sommer vom "Himmel auf Erden" sprach.

Kurz darauf erlitt mit GPC Biotech das prominenteste Unternehmen der Zunft einen herben Rückschlag, weil sein wichtigstes Präparat Satraplatin kurz vor der Zulassung in Tests scheiterte. Der GPC-Aktienkurs brach ein, das Unternehmen baut rund 100 Arbeitsplätze ab, 60 davon in Martinsried (Kreis München). Über ein angeschossenes Flaggschiff und die Hoffnungen der Zukunftsbranche in Deutschland spricht Horst Domdey im Interview.

-War der Rückschlag von GPC nach dem "Himmel auf Erden" der Sturz ins Fegefeuer für die Biotech-Branche?

Wenn das Flaggschiff angeschossen wird, ist das auch gefährlich für den Rest der Flotte. Das hat nicht nur Martinsried und München getroffen, sondern ganz Deutschland. Es hat verdeutlicht, dass wir uns in einem risikoreichen Umfeld bewegen. Aber die Entwicklung hat auch gezeigt, dass der Standort gefestigt ist. Man konnte kurz darauf schon wieder positive Nachrichten vernehmen.

-Dazu zählte, dass das Martinsrieder Biotechunternehmen Morphosys mit dem Schweizer Pharmakonzern Novartis eine der größten Forschungskooperationen geschlossen hat, die es je in der Branche gab. Morphosys fließen dadurch mindestens 600 Millionen Dollar zu.

Morphosys hat eine Technologieplattform anzubieten, die auf dem Weltmarkt sehr begehrt ist und die es daneben auch ermöglicht, eigene Produkte zu entwickeln. Morphosys hat es geschafft, diese beiden Dinge zusammenzubringen. Man könnte meinen, die Kooperation wäre der erste Schritt für eine Übernahme durch Novartis. Aber ich glaube, Morphosys hat sich damit eher die Freiheit gekauft, selbst Medikamente entwickeln zu können.

-Ist diese enge Kooperation mit einem Pharmariesen ein Modell auch für andere Unternehmen?

Ich könnte mir vorstellen, dass andere auch so weit kommen werden. Ich hoffe, dass man davon lernen kann und es bei anderen Unternehmen nicht 15 Jahre dauert, bis es zu so einem großen Deal kommt, sondern das vielleicht schon nach zehn oder fünf Jahren passiert.

- Besteht dabei nicht auch das Risiko, dass wichtige Biotech-Unternehmen gekauft und verlagert werden?

Gekauft schon. Und dagegen habe ich auch gar nichts, wenn wir damit einen Pharmakonzern wie Novartis oder Roche an den Standort bekommen. Es wäre dumm von Pharmariesen, wenn sie dann das gekaufte Unternehmen verlagern würden. Denn was man einkauft, ist nur zu einem Teil die Technologie. In erster Linie sind es die Köpfe, die das Unternehmen vorangebracht haben. Wenn die Konzerne intelligent sind, lassen sie das Unternehmen weiter so agieren wie zuvor. Mir ist davor aber nicht bange. Ich freue mich, dass die Pharmaindustrie die Potenziale bei uns erkannt hat.

-Zu den positiven Ereignissen des Jahres zählt auch, dass Medigene sein zweites Medikament auf den Markt gebracht hat. Welche Bedeutung hat das für die Branche?

Das Produkt Veregen wurde von vorklinischen Studien bis zur letzten Phase der Entwicklung selbstständig vorangetrieben. Man versucht bei Medigene, ein eigenständiges modernes Pharmaunternehmen aufzubauen. Es ist also vielleicht der Startpunkt einer neuen, auf der Biotechnologie basierenden mittelständischen Pharmaindustrie. Dieser Weg ist nicht für alle Unternehmen gangbar. Aber für einige, die viele Präparate in der Entwicklung haben, ist es meiner Meinung nach eine richtige Strategie.

-Wieso war die Aufmerksamkeit für GPC weit größer, als sie es nun bei Medigene ist?

GPC hat sich stark auf ein Hauptprodukt fokussiert, das ein Marktpotenzial von 500 Millionen Euro und mehr hatte. Man spricht in dieser Größenordnung von einem "Blockbuster". Dies hat das Unternehmen sehr interessant gemacht, weil man damit auf einen Schlag in die Erste Liga der Biotechunternehmen weltweit hätte aufsteigen können.

- War 2007 also insgesamt ein gutes oder eher ein schlechtes Jahr für die Branche?

Wir haben mit GPC einen herben Rückschlag erleben müssen. Aber wir sind bei vielen Unternehmen aus der Region einen wichtigen Schritt vorangekommen. Die Hälfte der Unternehmen arbeitet profitabel, etwa Nanion oder Mikrogen. Die anderen hoffen, dass sie durch die Entwicklung von Medikamenten und Diagnostika weiter vorankommen.

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