Russischer Multimillionär mischt Escada auf

Management unter Druck: - München ­- Ein 32-jähriger Russe sorgt beim oberbayerischen Luxusmodekonzern Escada für Turbulenzen. Rustam Aksenenko, Sohn eines früheren russischen Vize-Premiers und Bahnministers unter Boris Jelzin, hat sich im großen Stil bei dem Unternehmen in Dornach (Kreis München) eingekauft. Ihm gehört über seine Schweizer Investmentfirma Finartis mehr als ein Viertel der Escada-Anteile. Damit macht er Druck auf das Management und sorgt für Turbulenzen im Aufsichtsrat.

Die Aktionäre von Escada haben wenig Grund zu klagen. Zwar wird es auch für das abgelaufene Geschäftsjahr keine Dividende geben. Doch nach tiefer Krise wächst das Unternehmen profitabel. Der Aktienkurs hat sich seit dem Tief im Jahr 2001, als er unter sechs Euro lag, mehr als verfünffacht.

Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres (November bis Januar) schrieb das Unternehmen 21,6 Millionen Euro Gewinn, gut fünf Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Insgesamt soll heuer der Umsatz von zuletzt rund 700 Millionen Euro um einen "mittleren einstelligen Prozentsatz" wachsen, der operative Gewinn (74 Millionen Euro) soll stärker zulegen. Doch Aksenenko, dessen Aktienpaket bei Escada derzeit einen Börsenwert von etwa 130 Millionen Euro hat, ist das nicht genug.

"Herr Aksenenko vertritt im Aufsichtsrat seine Meinung, dass wir scheller wachsen und ambitionierter unsere Ziele verfolgen sollen", berichtet Escada-Chef Frank Rheinboldt. Und der Russe vertritt seine Meinung nicht nur im Kontrollgremium. Aksenenko hatte im Sommer eine Studie bei der Unternehmensberatung Bain & Co. in Auftrag gegeben, die Kritik an der Strategie des Unternehmens enthält. Unter anderem soll bemängelt werden, dass Escada kein einheitliches Ladenkonzept habe und zu wenig auf das lukrative Geschäft mit Accessoires wie Handtaschen oder Gürtel setze. Zudem soll eine Trennung von der Konzerntochter Primera, die günstigere Kleidung anbietet, empfohlen werden.

Kürzlich gelangte das Papier an die Öffentlichkeit. "Das kommt nicht von uns", beteuert ein Sprecher Aksenenkos, erneuert aber die Kritik am Vorstand: "Die Resultate des abgelaufenen Geschäftsjahres können wir nicht als großen Erfolg werten. Und das erste Quartal liegt im selben Trend."

Auch der Vorstand sieht weiteren Handlungsbedarf. Escada erzielt pro Quadratmeter Ladenfläche 8000 bis 9000 Euro Umsatz im Jahr. Konkurrenten kommen auf 12 000 bis 15 000 Euro. Und während Escada pro Euro Umsatz etwa elf Cent operativen Gewinn erwirtschaftet, sind es bei Wettbewerbern bis zu 20. Deshalb werden die Escada-Läden umgestaltet, das Image als Luxusmarke soll gepflegt und das Geschäft mit Accessoires ausgeweitet werden. Allerdings dürfe man keine überhöhten Erwartungen haben, warnt Rheinboldt: "Da geht es um Vergleiche mit reinen Accessoire-Herstellern, die keine so turbulente Vergangenheit haben wie Escada. Mit Vergleichen mit anderen Luxusherstellern erreicht man nichts außer Verunsicherung."

Im Aufsichtsrat ist die nicht zu übersehen. Die sechs Vertreter der Kapitalseite im Kontrollgremium müssen sich heuer neu zur Wahl stellen. Einer will möglicherweise nicht mehr antreten, zwei andere sicher nicht ­ unter anderem Aufsichtsratschef Peter Zühlsdorff, der nach zehn Jahren im Amt schon länger den Abschied plant, aber angesichts der jüngsten Reibereien auch sagte: "Ich bin stinksauer." Die anderen haben sich noch nicht offenbart. Doch halten Unternehmenskenner einen Abschied von Robert Dissmann, der seit über 20 Jahren in dem Gremium sitzt, ebenso für denkbar wie den des Unternehmers Clemens Haindl, der das 70. Lebensjahr überschritten hat.

Zwei Nachfolge-Kandidaten hätten "kurzfristig und überraschend" abgesagt, erklärte Rheinboldt. Deshalb sei die für April angesetzte Hauptversammlung geplatzt. Jetzt suche man neue Kandidaten, die "den Vorstellungen aller Interessengrupen im Aktionärskreis" gerecht werden. Bei der nächsten Aufsichtsratssitzung, die in den kommenden zwei Wochen ansteht, will man sich auf die Neubesetzungen einigen. Ob das klappt, ist unsicher.

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