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Russlands Luftfahrt-Desaster: Weniger Flüge – „Prozess ist nicht aufzuhalten“

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Von: Lisa Mayerhofer

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Die Sanktionen treffen Russlands Luftfahrt hart – viele Flugzeuge können nicht abheben. Dabei ist das riesige Land auf die Luftfahrt dringend angewiesen. Experten prophezeien heftige Einschnitte.

Moskau – Im Zuge der Sanktionen haben sich namhafte westliche Unternehmen aus Russland zurückgezogen – es gibt nun keinen McDonald’s, keine französischen Luxusklamotten und keine deutschen Autos mehr in Putins Land. Was Russland aber noch viel stärker treffen dürfte, ist der Niedergang seiner Luftfahrt durch die Sanktionen.

Sanktionen gegen Russland: Luftfahrt mit am stärksten betroffen

Denn: Seit dem 27. Februar ist nicht nur der Luftraum der EU, der Ukraine und der USA für russische Maschinen gesperrt. Ein viel massiveres Problem für russische Airlines wie Aeroflot ist, dass die Lieferung von Flugzeugen und Ersatzteilen sowie Wartungsdienstleistungen vom Westen untersagt wurde. Russische Airlines nutzen fast ausschließlich Flugzeuge der westlichen Hersteller Boeing und Airbus. Ohne deren Technik steht die russische Luftfahrt vor dem Aus: Das Land hat es trotz aller Anstrengungen nicht geschafft, sich bei der Luftfahrt-Technologie vom Westen unabhängig zu machen und wird das nach Expertensicht auch in den nächsten Jahren nicht zustande bringen.

Außerdem ist es in diesem Bereich für Russland besonders schwierig, die Sanktionen zu umgehen. Denn Ersatzteile und ähnliche Lieferungen erhalten sie auch nicht über Umwege aus anderen Ländern wie etwa China. Der Grund dafür ist, dass alle Bauteile eine nachverfolgbare Seriennummer tragen – die Hersteller würden es also erfahren, wenn eine Komponente trotz Sanktionen in Russland landet und über welche Wege dies stattgefunden hat. Da auch China bei der Luftfahrt von Airbus und Boeing abhängig ist, hütet sich das Land, gegen deren Vorgaben zu verstoßen.

Experte über Russlands Luftfahrt: „Das Flugangebot wird merklich abnehmen“

Das bedeutet: Über kurz oder lang können immer weniger Flugzeuge in Russland starten, da bei den Maschinen immer wieder Reparaturen anfallen, die Mängel aber nicht behoben werden können. „An einem Flugzeug geht immer mal etwas kaputt. Es gibt Probleme mit dem Triebwerk oder der Hydraulik. Manchmal reicht schon ein winziges Teil, und eine Maschine kann nicht mehr starten“, erklärt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt in der Welt. Er prophezeit: „Schon in den nächsten Monaten werden wir sehen, wie das Flugangebot merklich abnehmen wird. Dieser Prozess ist nicht aufzuhalten.“

Das würde die russische Wirtschaft und Bevölkerung hart treffen, da das riesige Land bei der Infrastruktur auf Luftverbindungen angewiesen ist – andere Verkehrsmittel würden keinen ausreichenden Ersatz bieten. „Kaum ein Land ist so sehr von seiner Luftfahrt abhängig wie Russland“, sagt Großbongardt der Welt.

Aeroflot-Passagierflugzeuge
Aeroflot-Passagierflugzeuge stehen auf dem Flughafen Scheremetjewo außerhalb von Moskau. Die Airline leidet massiv unter den Sanktionen des Westens. (Archivbild) © Pavel Golovkin/AP/dpa

Schon jetzt heben nach Daten des Portals Flightradar24 50 Flugzeuge oder 15 Prozent der Aeroflot-Maschinen nicht mehr ab. Das kann daran liegen, dass einige Maschinen im Ausland – wie etwa Deutschland – gestrandet sind.

Russische Luftfahrt: Neuer Airbus A350 als Ersatzteillager

Der Mangel an Maschinen kann aber auch an den verzweifelten Maßnahmen von Putins Regierung liegen, die russische Luftfahrt möglichst lange am Laufen zu halten. Im Juni hatte der Kreml empfohlen, Flugzeuge für Ersatzteile auszuschlachten, damit die russische Luftfahrt bis 2025 weiter betrieben werden kann. Vier Brancheninsider bestätigten außerdem vor kurzem der Nachrichtenagentur Reuters, dass Aeroflot seine Flugzeuge demontiert, um an Teile zu kommen. Demnach fungiere schon ein nagelneuer Airbus A350 als Ersatzteillager.

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Dass die russische Luftfahrt so bis 2025 durchhält, daran zweifelt Luftfahrtexperte Großbongardt: „Diese Hoffnung halte ich für reines Wunschdenken der russischen Regierung“, sagt er der Welt. „Man wird noch viel mehr Flugzeuge ausweiden müssen, um den Rest bis 2025 in der Luft zu halten.“

Umso unverständlicher ist es für den Militärexperte Carlo Masala, dass die EU Ende Juli ihre Sanktionen beim Export von Flugzeugtechnik wieder gelockert hat.: „Ich verstehe nicht, warum wir Aeroflot nicht grounden lassen“, schreibt er auf Twitter. „Die Sanktionen wirken und dann nehmen wir sie zum Teil wieder zurück.“

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