Für die meisten Russen – hier vor der Auferstehungs-Kathedrale in Sankt Petersburg – bleibt ein Auto aus Bayern unerschwinglich. Doch die Schicht der Reichen wächst schnell. Auf sie zielt BMW mit seiner Luxus-Strategie.

Russland: Wo Luxus im Auto doppelt zählt

Sankt Petersburg – BMW setzt auf Russland als Markt für Luxusautos. In der Reihenfolge der Märkte für den Münchner Konzern liegt das prosperierende Land bereits auf Platz sechs. Doch die Moskauer Regierung macht Autoherstellern aus dem Ausland immer strengere Vorgaben.

Die meisten Grundstücke wirken verwildert. Hinter den Hecken heruntergekommene Holzhäuser. Ein alter Bootshafen liegt versteckt an einer Seitenstraße. Lewashovo ist ein verschlafener Vorort von Sankt Petersburg. Doch schon in zwei Jahren wird er sein Gesicht völlig verändern. Hier steht dann das höchste Haus Europas. Das 500 Meter hohe Hauptquartier von Gazprom wird die gesamte Newa-Bucht dominieren.

Sein Umfeld bilden exklusive Einkaufszentren und moderne Freizeitparks. Viele alte Häuser müssen weichen. Eines der wenigen neuen Gebäude, die bereits stehen, darf bleiben. Es ist der Sitz von Park M, einem Autohändler, wie es ihn sonst nur noch einmal auf der Welt gibt – in Singapur. Er verkauft nur die sportlichen und begehrten aber auch teuren M-Modelle von BMW.

Park M ist ein Beispiel dafür, wie sich Russland zum immer wichtigeren Markt für Luxusgüter entwickelt. Vor allem für solche mit vier Rädern. Das Auto als Statussymbol zählt dort mehr als doppelt. Es ist den Russen 2,3-mal wichtiger als den deutschen, zitiert Peter Kronschnabl, Vertriebsleiter des Münchner Konzerns für Russland, eine Studie. Davon profitieren die drei deutschen Premium-Hersteller, die sich derzeit in Russland ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern.

„Wir haben 2003 insgesamt 3000 Fahrzeuge in Russland ausgeliefert“, sagt Kronschnabel. Inzwischen erreicht er diese Zahl bereits in einem Monat. Und es sind vor allem die teureren Modelle, von denen die Russen träumen. Die neueste Variante ihrer Topmodelle stellen die Münchner ganz bewusst in der ehemaligen Residenzstadt der russischen Zaren vor.

Denn die betuchten Russen kaufen nicht irgendein Auto, sie wollen immer etwas mehr. Teures Leder nicht nur an den Sitzen und Teilen der Tür, sondern im gesamten Innenraum, edle Hölzer – und wegen der löchrigen Straßen Allradantrieb.

Nur passen die russischen Einkaufsgewohnheiten nicht zu den westeuropäischen, wo Käufer ihr Auto mit allen Sonderwünschen bestellen und das dann mit der entsprechenden Ausstattung produziert und ausgeliefert wird. Russen sehen ihr Auto beim Händler und wollen es gleich mitnehmen. Sonderausstattung, die ja auch viel Geld einbringt, bleibt da auf der Strecke. Park M will das Dilemma mit Limited Editions lösen, Kleinserien mit besonders hochwertiger Ausstattung, die dann auch entsprechend viel kosten dürfen.

Auch das Zahlungsverhalten der russischen Kunden ist für Westeuropäer ungewohnt. „Russland ist ein ausgesprochener Barzahlungsmarkt“, sagt Vertriebsmann Kronschnabl. Eugen Körner, General Manager von Park M erlebt immer wieder, dass Käufer mit Tüten voller Rubelscheine im Show Room erschienen, um ihr Auto zu bezahlen.

Und das könnten auf absehbare Zeit immer mehr werden. BMW-Vertriebsvorstand Ian Robertson spricht von sieben Millionen Russen (von insgesamt 140 Millionen) die 2010 ein Jahreseinkommen von mehr als 60 000 US-Dollar hatten. Sie gelten als mögliche Luxus-Konsumenten. 2025 wird es 13 Millionen davon geben.

Russland gehört neben Indien, Brasilien, der Türkei und Südkorea zu den Ländern, in denen sich BMW in Zukunft besonders hoher Wachstumsraten verspricht. Das könnte die Ausfälle im zunehmend schwächelnden Europa auch auf lange Sicht ausgleichen.

Die Arbeiter in den europäischen Werken werden davon aber nicht so viel haben. Denn die russische Nachfrage wird nur sehr beschränkt zur Auslastung der heimischen Werke beitragen. „Die Produktion folgt den Verkäufern“, sagt Vertriebsvorstand Ian Robertson. Das ist weniger Konzernphilosophie als knallharte wirtschaftspolitische Realität in fast allen Ländern außerhalb der Europäischen Union: Was an russische Kunden ausgeliefert wird, soll möglichst auch in Russland entstanden sein.

Bei der Einfuhr von Autos kassiert der Staat derzeit 30 Prozent. Liefert man nur Autoteile, beträgt der Zollsatz fünf Prozent. So verlassen die Werke in Dingolfing oder Spartanburg, nicht nur fertige Autos, sondern auch solche, die zu Bausätzen zerlegt wurden, die in Russland nur noch zusammengeschraubt werden müssen. Denn auch Bausätze gelten als zollbegünstigte Teile. CKD-Produktion (Completely Knocked Down) heißt das im Branchenjargon. Die CKD-Fertigung für BMW übernimmt der russische Autohersteller Awtotor in Kaliningrad, dem früheren Königsberg. Auch Bausätze beispielsweise von Kia (Korea) oder General Motors (USA) werden hier komplettiert. 17 000 BMW fast aller Reihenwaren waren es 2011.

Allerdings ist der Teile-Trick in Russland ein Auslaufmodell. Die Moskauer Regierung hat in einem „Dekret 166“ strenge Vorgaben gemacht, um ausländische Autoanbieter zum Werksbau in Russland zu verpflichten. Dazu gehört auch der Karosseriebau und die Lackiererei. Und jeder zweite Motor in den entsprechenden Autos muss auch aus Russland kommen, wo es gerade dafür an Fachkräften mangelt.

Bedrohlicher für BMW ist eine Zahl, die auch im Dekret 166 steht. Zollgünstig nach Russland liefern darf demnach nur, wer ab 2016 mindestens 300 000 Autos auch dort baut. Das ist eine für Premium-Hersteller völlig unrealistische Zahl, wie Kronschnabl sagt. Derzeit verhandelt BMW mit der Regierung von Wladimir Putin über eine auch für BMW geeignete Auslegung des Dekrets. Sonst müssten die staatlichen Fuhrparks auf einige bei Regierungsmitarbeitern und Parlamentariern besonders beliebte Modelle verzichten – nämlich die mit dem weiß-blauen Propeller.

Martin Prem

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