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Neuer Großauftrag: Siemens liefert weitere Hochgeschwindigkeitszüge nach Russland. Hier heißen sie Sapsan (Wanderfalke), in Deutschland heißen sie ICE. Die russischen Züge fahren jedoch auch bei minus 40 Grad zuverlässig.

In Russland trotzen ICE Eis und Schnee

St. Petersburg/Moskau – In Deutschland herrscht bei der Bahn oft Winterchaos. Doch ausgerechnet in Russland trotzen die gleichen Hochgeschwindigkeitszüge auch Eis und Schnee. Die Russen sind so begeistert, dass sie ihre Flotte nun verdoppeln. Sie bestellen bei Siemens einen ICE mit Sibirienpaket – auf das die Deutsche Bahn noch immer verzichtet.

Mit 230 Stundenkilometern rast der Zug, den sie „Sapsan“ – den „Wanderfalken“– nennen, durch die russische Nacht. Kurz nach dem Start in St. Petersburg beginnt es zu schneien. Endlich. Es ist auch in Russland ein ungewöhnlich milder Winter. Dass der erste Schnee erst so kurz vor Weihnachten fällt, ist man hier im kalten Nordosten Europas nicht gewöhnt. Im Führerstand geht die Sicht jetzt für den Fahrer des Hochgeschwindigkeitszuges gegen null – er scheint ständig auf eine weiße Wand zuzurasen.

Doch was in Deutschland in den vergangenen Wintern stets zu stundenlangen Verspätungen und Zugausfällen geführt hat, scheint für die Russen kein Problem zu sein. Dabei hatte man kurz zuvor am Gleis 4 des Bahnhofs in St. Petersburg noch das Gefühl, in einen deutschen ICE gestiegen zu sein. Wer die Sicherheits- und Passkontrollen hinter sich gelassen hat, besteigt einen Zug, der aussieht, als würde er nicht von St. Petersburg nach Moskau, sondern von München nach Hamburg fahren. Die gleichen Gepäckablagen, die gleichen Sitznummern, sogar die Lichtschalter sehen aus wie im ICE. Doch auf den zweiten Blick gibt es auch Unterschiede: Der Sapsan ist gut 30 Zentimeter breiter, bietet mehr Platz – und er fährt auch bei Eis und Schnee.

Einer der Gründe für die größere Zuverlässigkeit ist hinter dem Kleiderschrank in der Mitte des Wagens versteckt. Dahinter führen Leitungen die Luft, die auf dem Dach angesaugt wird, zum Antrieb am Boden des Zuges, wo sie benötigt wird. Bei deutschen ICEs wird direkt am Boden angesaugt, doch wenn viel Schnee liegt, wird der hineingezogen und die Probleme beginnen. Probleme, die man hier in Russland nicht kennt. Zu 99 Prozent waren die Sapsan-Züge seit ihrer Einführung vor zwei Jahren einsatzbereit. Bei der Deutschen Bahn könnten es wohl nur 70 bis 80 Prozent gewesen sein, munkelt man.

Die Luftröhren hinter dem Kleiderschrank sind Teil eines Sibirienpakets, mit dem der Velaro, wie der Hochgeschwindigkeitszug technisch heißt, ausgerüstet ist. Er trotzt hier Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius. Siemens verkauft die Züge, die in Russland Sapsan und in Deutschland ICE genannt werden, auch nach Spanien. Bald sollen sie auch durch den Eurotunnel und durch Frankreich fahren.

Die Deutsche Bahn hat gerade für rund 6 Milliarden Euro 220 neue ICx-Züge bestellt – mit besserer Klimanalage, aber ohne Sibirienpaket. „Ich hoffe, dass das in Deutschland auch nicht nötig ist“, sagt Hans-Jörg Grundmann, bei Siemens für das Bahn-Geschäft verantwortlich. Doch er sagt auch, die hohe Zuverlässigkeit der russischen Sapsans liege daran, dass die staatliche Eisenbahngesellschaft RZD „Züge bestellt, die den klimatischen Bedingungen gewachsen sind“. Siemens sei zudem für die Wartung der Züge verantwortlich, stehe also in der Pflicht, dass sie auch fahren. In Deutschland wartet die Bahn selbst.

Dass die Deutsche Bahn auf die winterfeste Version des Schnellzugs verzichtet, dürfte vor allem finanzielle Gründe haben. 10 bis 15 Prozent mehr kosten die Velaros mit dem Sibirienpaket – und sie bringen weniger ein: Denn die Kleiderschränke, hinter denen die Luftröhren verlaufen, verdrängen Sitzplätze. 32 Plätze weniger hat ein wetterfester Zug mit zehn Wagen.

Für die gut 600 Kilometer zwischen St. Petersburg und der russischen Hauptstadt braucht der Sapsan drei Stunden und 45 Minuten. Mit dem Flieger ist man kaum schneller. Obwohl die Tickets zu Stoßzeiten rund 100 Euro kosten, sind die Züge fast immer ausgebucht. Auch deshalb wollen die Russen nun aufstocken. Gestern unterzeichneten Siemens-Chef Peter Löscher und RZD-Präsident Vladimir Yakunin in Moskau einen Vertrag über acht weitere Sapsan-Züge. Inklusive Wartung für 30 Jahre bringt dieser Auftrag Siemens rund 600 Millionen Euro ein.

Gebaut werden die Sapsan-Züge im Siemens-Werk in Krefeld. Die Entwicklung der Hochgeschwindigkeitszüge findet in Erlangen statt, wo rund 2600 Siemensianer in der Zugsparte arbeiten. „Wir denken derzeit über neue Jobs nach“, sagte Grundmann. 500 zusätzliche Arbeitsplätze sollen in Krefeld entstehen, für Erlangen suche man 140 zusätzliche Ingenieure.

Der weltweite Schienenverkehrsmarkt werde in den nächsten fünf Jahren um 2,5 Prozent auf rund 54 Milliarden Euro wachsen, glaubt Grundmann. In Osteuropa wird das Wachstum noch stärker ausfallen. Allein von der russischen Eisenbahn bekam Siemens in den vergangenen fünf Jahren Aufträge über fünf Milliarden Euro.

Um kurz nach 23 Uhr wird der Wanderfalke langsamer. Dann rollt er in den inzwischen völlig eingeschneiten Bahnhof von Moskau ein. Pünktlich ist der Sapsan an diesem verschneiten Abend nicht – er ist eine Minute zu früh dran.

Philipp Vetter

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