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Satellitennavigation: Galileo lockt auch den Mittelstand

München - Jüngste Verwerfungen zwischen Politik und Industrie bei Galileo dämpfen die Euphorie für das Satellitennavigationssystem nicht bei jedem. Experten vertrauen weiter auf Milliardengeschäfte. Ein Ideen-Wettbewerb soll jetzt vor allem Mittelständler ansprechen.

Trotz jüngster und nur mühselig gelöster Finanzierungsprobleme des Satellitennavigationssystems Galileo bleiben damit befasste Industrien und Experten bei euphorischen Einschätzungen. "Das Potenzial ist extrem hoch", betonte der im Konzern der Deutschen Telekom dafür zuständige T-Systems-Manager Ralf Nejedl. Für Dienste, die über europäische Galileo-Satelliten abgewickelt werden, erwarte er schon 2010 fünf Milliarden Euro Umsatzvolumen, sagte Thorsten Rudolph vom bayerischen Galileo-Anwendungszentrum Oberpfaffenhofen.

Wegen Zweifeln an derart sprudelnden Gebühren mussten zuletzt die EU-Staaten mit neuen Milliardensummen für den Aufbau des insgesamt 30 Satelliten umfassenden Systems in die Bresche springen. Ein Industriekonsortium hatte sich aus der Mitfinanzierung verabschiedet, weil das Projekt nicht kalkulierbar sei. Galileo müsse mit dem bestehenden US-System GPS konkurrieren, dessen Signale aus dem All kostenlos sind. Technische Vorteile von Galileo könnten das nicht ausgleichen, wurde in der Industrie kritisiert.

Befürworter wie Nejedl, Rudolph oder der beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) für Technologiemarketing zuständige Stefan Jacquemot lassen sich davon wenig beeindrucken. Sie haben im Verbund mit Bayerns Wirtschaftsministerium zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen, um mit vermarktbaren Galileo-Diensten bereit zu sein, wenn das System wie zuletzt geplant 2008 in Betrieb geht. Angesprochen sind kleine Firmen und Mittelständler. Den besten Ideen wird Unterstützung bis zur Marktreife versprochen.

Mittels Galileo könnten zum Beispiel versteckt abgelegte Werkzeuge in Firmenhallen, in Abstellkammern verschwundene medizinische Geräte in Krankenhäusern oder unauffindbar geparkte Waggons der Deutschen Bahn aufgespürt werden, erklärte das Expertentrio. Bauern könnten bis auf 30 Zentimeter genau über Galileo-gesteuerte Traktoren Ackerfurchen ziehen und ihre Ausbeute vergrößern. Am meisten geldwerte Vorteile halte Galileo für die Transport- und Logistikwirtschaft bereit. Für solche Spezialdienste, die über die heutige Kfz-Navigation mittels GPS hinausgehen, werde es Nachfrage geben, schwören die Experten. Denn Galileo übertreffe das US-System an Genauigkeit.

Das stimmt, falls es wirklich 2008 in Betrieb geht. Kommt es zu neuen Verzögerungen, könnte aller Vorsprung dahin sein, weil GPS derzeit modernisiert wird und auch Russland oder China ein eigenes System planen. Einen Vorteil behalte Galileo gegenüber der US-Konkurrenz in jedem Fall, betonte Jacquemot. Es sei ein ziviles und kein militärisches System wie GPS. Letzteres kann ohne Vorwarnung abgeschaltet werden, wenn die USA Sicherheitsinteressen gefährdet sehen. Heute könnten viele Menschen nicht mehr telefonieren, mit dem Auto navigieren oder sie würden keine Post erhalten, weil Satellitennavigation rasant zum Massenmarkt werde. Nutzer würden es sich deshalb etwas kosten lassen, dass auf Galileo zu 100 Prozent Verlass sei.

Frühere Prognosen, nach denen Galileo bis zum Jahr 2020 per anno 300 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafte und europaweit 150 000 Hightech-Jobs schaffe, wollen Experten wie Jacquemot derzeit aber nicht in den Mund nehmen.

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