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Steht die Polizei vor der Tür (wie hier bei Siemens im Zuge des Korruptionsskandals), kann das für Unternehmen und Manager gravierende Folgen haben. Die Risiken werden von Mittelständlern unterschätzt, warnen Experten.

Mittelstand im Blickpunkt

Die Ära der Saubermänner

München - Der Schmiergeldskandal bei Siemens hat Deutschlands Konzerne erschüttert. Große Unternehmen installierten Vorstände für saubere Unternehmensführung und investierten Millionen in entsprechende Strukturen. Im Mittelstand fühlt man sich von all dem nicht betroffen. Ein Irrtum, warnen Experten.

Der 54-jährige Kaufmann, der als Zeuge im Prozess um den Schmiergeldskandal bei Siemens aussagen musste, rutschte auf seinem Stuhl im Münchner Strafjustizzentrum hin und her. Er war einst zum Compliance-Beauftragten eines Konzernbereichs geworden, aus dem Schmiergelder kofferweise geschleppt wurden, um illegal Aufträge im Ausland einzukaufen. In seiner Funktion hätte er für die Einhaltung (englisch: „Compliance“) von Gesetzen sorgen müssen. Doch wie ernst man es wirklich damit meinte, offenbart schon die Personalauswahl für den Posten: Seine Chefs hätten ihn für unterbeschäftigt gehalten, schilderte der Zeuge. „Man war der Meinung, ich könnte noch irgendwas zusätzlich tun.“

Inzwischen offenbarte sich ein System der Korruption, Vorstände wanderten in Untersuchungshaft, Manager verloren ihre berufliche Existenz, und der Konzern, dessen Ruf weltweit gelitten hat, bereitet sich auf Strafen in Milliardenhöhe vor. Compliance hat heute einen anderen Klang bei Siemens.

Dem Amerikaner Peter Solmssen wurde im Vorstand die Aufgabe übertragen, das Unternehmen sauber zu halten. 520 Mitarbeiter befassen sich mit nichts anderem als Compliance. 180 000 Beschäftigte schickte man in Schulungen darüber, was erlaubt ist und was nicht. Fast eine Milliarde Euro hat Siemens schon für solche Maßnahmen ausgegeben. Und die Münchner sind nicht allein. „Durch Siemens ist etwas losgetreten worden“, sagt Peter von Blomberg, Vorstand der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International in Deutschland.

Die Bahn, die jährlich Aufträge in Milliardenhöhe vergibt und deren Mitarbeiter als Bestechungsempfänger gefährdet sind, hat mit Wolfgang Schaupensteiner einen ehemaligen Oberstaatsanwalt in den Vorstand berufen. Die Telekom holte – auch unter dem Druck diverser Datenmissbrauchs-Skandale – ihren Chef-Justiziar in das Führungsgremium. MAN berief Vertrauensleute für Hinweise auf Bestechung.

Für solche Anstrengungen gibt es gute Gründe. Das Prüfungs- und Beratungsunternehmen Ernst & Young zählt gesetzwidriges Verhalten in einer Studie zu den zehn größten Risiken für Unternehmen. Neben strafrechtlichen Konsequenzen droht Sündern etwa der Ausschluss bei der Auftragsvergabe oder die Kündigung von Verträgen. „Compliance kostet Geld, ist aber unverzichtbares Risikomanagement“, urteilt von Blomberg. „Darauf zu verzichten, kann wesentlich teurer werden und im schlimmsten Fall zum Ruin führen.“ Doch bislang ziehen fast ausschließlich große Konzerne Konsequenzen.

„Im Mittelstand fehlt es an Problembewusstsein“, warnt Johann Graf Lambsdorff, Professor an der Uni Passau. „Die Risiken von Bestechung werden unterschätzt.“ Auch Beate Ortlepp von der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern hat diese Erfahrung gemacht. Informations-Veranstaltungen über Compliance habe die Kammer mangels Interesse der Firmen abgesagt. „Es fehlt am Bewusstsein, dass viele rechtliche Risiken im Unternehmen lauern und diese auch für das Management gefährlich werden können.“

Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwälte dienen sich als Compliance-Helfer an – zunehmend auch im Mittelstand, hat Beate Ortlepp festgestellt. Denn kleineren Firmen fehlen meist die Kapazitäten, eigene Fachleute dafür einzustellen. Ohnehin ist es nicht einfach, solche Spezialisten zu finden. „Der Arbeitsmarkt für Compliance-Experten ist leergefegt“, urteilt Christoph Hauschka vom Prüf- und Beratungsunternehmen PriceWaterhouseCoopers. An den Hochschulen beginne das Thema erst nach und nach Beachtung zu finden.

Ob mit eigenem Personal oder externen Beratern – am Thema Compliance werde in den kommenden Jahren kein Weg vorbeiführen, glauben die Experten. „Der Mittelstand muss nachziehen“, erklärt Klaus Volk, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Und das muss kein Nachteil sein, glaubt man bei Siemens.

Der Konzern dürfte inzwischen eine der größten Compliance-Organisationen auf der Welt errichtet haben. In einem Börsenindex des US-Konzerns Dow Jones, der Unternehmen nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit bewertet, hat sich Siemens in punkto Compliance vom letzten auf den ersten Platz katapultiert. Gleichzeitig ist der Auftragseingang massiv gestiegen. Siemens-Vorstand Solmssen ist deshalb überzeugt: "Geschäft und Integrität bilden keinen Gegensatz."

Dominik Müller

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