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Die Schadstoff-Messstelle am Stachus ist nur durch den Gehsteig vom Rand der Kreuzung getrennt. Die Vorschriften verlangen an solchen Stellen aber einen Mindestabstand von 25 Metern vom Kreuzungsrand. 

Diesel-Debatte

Werden Schadstoffwerte „hochgetrickst“? Messstationen in München sind falsch platziert

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Deutschland hat die geltenden EU-Regeln eigenmächtig verschärft. Auch weil Abstands-Vorschriften nicht eingehalten werden, messen deutsche Behörden Schadstoffwerte, die höher sind als im Rest Europas.

München – Sonnenstraße, Ecke Schwanthalerstraße: Vier Fahrspuren von Süd nach Nord, fünf von Nord nach Süd. Zwei von Ost nach West, drei von West nach Ost. Mehr Kreuzung als hier am Münchner Stachus ist kaum möglich. Und doch steht dort etwas, was nicht hingehört: ein Messhäuschen des Bayerischen Landesamts für Umwelt. Es ist nur durch einen Gehsteig vom Kreuzungsrand getrennt. Hier werden Schadstoffe gemessen: Stickoxide, Feinstaubpartikel und andere. Dabei schreiben sämtliche Vorschriften zu den Messsungen in seltener Klarheit vor: Mindestens 25 Meter Abstand zum Fahrbahnrand verkehrsreicher Kreuzungen.

Zu wenig Abstand bei den Messungen in München?

„Als verkehrsreiche Kreuzung gilt eine Kreuzung, die den Verkehrsstrom unterbricht und gegenüber den restlichen Straßenabschnitten Emissionsschwankungen (durch Stop-and-go-Verkehr) verursacht“, steht in der „Neununddreißigsten Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes“. Staus – besonders das ständige Anhalten und wieder Anfahren – verursachen besonders hohe Emissionen. Deshalb sollen Messstationen Abstand halten. In München aber nicht.

Noch zwei weitere Messstellen sind an berüchtigten Münchner Dauer-Staustellen untergebracht. Eine an der Landshuter Allee – nur durch einen Bordstein von der an dieser Stelle achtspurigen Fahrbahn getrennt. Auch hier bestimmt der Dauerstau das Emissionsgeschehen. Oder in der Lothstraße, gleich ums Eck entlang der Nymphenburger Straße – auch sie ein werktäglicher Münchner Stau-Schwerpunkt. Immerhin ist in beiden Fällen der Mindestabstand von den Kreuzungen gewahrt.

Video: Kleiner Lichtblick im Diesel-Chaos

Messstationen am Straßenrand

In allen Fällen steht die Messstation – allenfalls hinter Parkstreifen und Gehweg – unmittelbar am Straßenrand. Von der Möglichkeit, zehn Meter Abstand zum Fahrbahnrand einzuhalten (wenn es sich nicht um Kreuzungen handelt) – was zu günstigeren Messwerten führen würde und wie es in anderen europäischen Ländern üblich ist – wurde an keinem einzigen innerstädtischen Münchner Messstandort Gebrauch gemacht. Lediglich in Allach und Johanneskirchen – den beiden weiteren Münchner Messstellen in vergleichsweise ruhigen Lagen – stehen die Messhäuschen zurückgesetzt in Grünflächen. Hier werden auch am seltensten Überschreitungen gemessen.

Lesen Sie hier: Schadstoff-Alarm in München: „Ausmaß ist erschreckend“

Messbedingungen in Deutschland verschärft? 

Doch damit nicht genug: Wer sich mit den Messbedingungen beschäftigt, stößt auf eine weitere deutsche Besonderheit. Ursprünglich war die entsprechende Verordnung inhaltsgleich mit der „Richtlinie 2008/50/EG über Luftqualität und saubere Luft für Europa“. Inzwischen wurde die Regelung, die eigentlich für europaweit vergleichbare Messwerte sorgen sollte, von Deutschland einseitig verschärft. Nun gibt es drei entscheidende Abweichungen.

So heißt es in der europäischen Verordnung: „Der Luftstrom um den Messeinlass darf in einem Umkreis von mindestens 270 Grad nicht beeinträchtigt werden.“ So soll verhindert werden, dass extreme Häuserschluchten die Verteilung der Schadstoffe behindern. In der deutschen Verordnung wird diese Beschränkung ausgehebelt: „Bei Probenahmestellen an der Baufluchtlinie soll die Luft in einem Bogen von mindestens 270 Grad oder 180 Grad frei strömen.“ So steht die Messstelle Landshuter Allee an einer durchgehenden 140 Meter breiten Gebäudefront, an der sich die Schadstoffe fangen. Mit den europäischen 270 Grad ist das nicht vereinbar, mit den deutschen 180 Grad aber schon. Eine Folge sind höhere Messwerte.

Auch bei die Mindestentfernung von Hindernissen – also Gebäuden, Bäumen und Balkonen – von einigen Metern wird aus der europäischen Mussvorschrift eine deutsche Sollvorschrift.

Darüber hinaus lässt die deutsche Verordnung, anders als die europäische, Abweichungen zu. Diese müssen nur dokumentiert sein. Das heißt: Weitere Eigenbrödeleien örtlicher Behörden sind erlaubt.

Interessant ist: Die Messstellen Landshuter Allee und Stachus liefern regelmäßig die Werte, die in München zu Fahrverboten führen könnten – und dazu, dass die EU-Kommission Deutschland wegen Schadstoffüberschreitungen vor dem Europäischen Gerichtshof verklagen will.

So wird in anderen Ländern gemessen

Interessant ist auch der Vergleich mit anderen Ländern. In Österreich zum Beispiel, das in Umweltfragen auch nicht gerade als lax gilt, findet man keine Messstellen unmittelbar an vielbefahrenen städtischen Straßen. Selbst wenn es am jeweiligen Standort darum geht, die Emissionen durch Stadtautobahnen zu erfassen, werden in Wien über 100 Meter Abstand zu den wirklich hochbelasteten Stellen eingehalten. In ganz Wien findet man keine Messstelle unmittelbar am Rand einer mehr als zweispurigen Straße. Nur außerorts auf Transitstrecken gibt es Messeinrichtungen direkt an Autobahnen.

Von Martin Prem

Das Umweltbundesamt stellt Karten zu Emissionen, wie Feinstaub in Internet. Mehr finden Sie hier.

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