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Der Präsident des Münchner Ifo Instituts, Hans-Werner Sinn, gilt als Deutschlands streitbarster Ökonom.

Chef des ifo-Instituts zieht Bilanz

Die Thesen des Hans-Werner Sinn

München - Der scheidende Ifo-Chef Hans-Werner Sinn zieht Bilanz. Bei seinen oft umstrittenen Thesen wähnt er die richtigen Argumente auf seiner Seite.

Es war eine Abschiedsvorstellung, bei der Hans-Werner Sinn erst gar nicht versucht hat, sich zu verstellen. „Es wird ein sehr persönlicher Vortrag“, warnte der scheidende Chef des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung zu seinem letzten Auftritt bei einer Ifo-Jahresversammlung vor. So kam es dann auch. Vor versammelter Prominenz, allen voran Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), zog Deutschlands streitbarster Ökonom Bilanz seiner drei Ifo-Jahrzehnte, davon die Hälfte an der Spitze des Instituts, das er einst im Niedergang übernommen hatte. Viel vorzuwerfen hat sich der 67-jährige nicht, dem im April 2016 der Mannheimer Ökonom Clemens Fuest nachfolgt.

Beginnend von seiner Sicht der deutschen Wiedervereinigung bis zu seiner heutigen Euro-Skepsis ließ der gebürtige Westfale kein Reizthema aus, mit dem er bis heute Widerspruch provoziert. „Ökonomen müssen politische Kompromisse nicht berücksichtigen“, stellte er klar. Und Argumente seien entweder richtig oder falsch, wobei Sinn die richtigen Argumente klar auf seiner Seite verortet.

Der Versuch, nach 1990 die ostdeutsche Volkswirtschaft firmenweise am Markt zu verkaufen? Ein Experiment, das von vornherein zum Scheitern verurteilt war und obendrein drei Viertel aller ostdeutschen Industriearbeitsplätze vernichtet hat. Der deutsche Mindestlohn? Falsch und arbeitsplatzfeindlich. Nationaler Klimaschutz? Wirkungslos ohne Einbindung ölproduzierender Staaten. Und was haben die 1340 Euro-Rettungsmilliarden für Griechenland gebracht, auf die Ifo in der Summe bislang kommt? Wie von ihm schon immer vorhergesagt – nichts, außer einer auf 23 Prozent verdreifachten Arbeitslosigkeit im wackligsten EU-Krisenland.

Auch seine Kritiker knöpft sich Sinn noch einmal vor. Als Deregulierer sei er oft verunglimpft worden. Stimmt nicht. „Ich habe für mehr Regulierung bei Banken geschrieben“, sagt Sinn. In seinem einstündigen Vortrag, den er selbst eine Vorlesung nennt, schafft es der Wissenschaftler, die meisten seiner zahlreichen Buchveröffentlichungen zu nennen und die Richtigkeit der dort propagierten Thesen zu verteidigen. Bis zuletzt scheut sich Sinn auch nicht unangenehme Wahrheiten auszusprechen. „Die Renten in Ostdeutschland haben im Schnitt real 120 Prozent des Westniveaus“, sagt er und lässt diesen Satz im Auditorium wirken. Ein anderer betrifft die Forderung nach einem Marshall-Plan für Griechenland. „Absurd, Griechenland hat in der Summe bereits 35 Marshall-Pläne erhalten.“ Und die politische Forderung, jeder müsse von seiner Hände Arbeit leben können, sei sowieso nur ein frommer Wunsch.

Gabriel nennt Sinn, trotz aller Kontroversen, die beide trennen, einen Patrioten mit Leidenschaft, der Ifo wieder zu internationalem Ruf verholfen hat, wenn auch einem mit Ecken und Kanten. Besser wäre es allerdings, wenn sich Politikberatung à la Ifo künftig auch am politisch Machbaren orientiere statt nur an vermeintlichen wissenschaftlichen Gewissheiten. Auch Ökonomen könnten irren. Das sehe man schon daran, dass der Mindestlohn in Deutschland nicht wie von Ifo befürchtet, 900 000 Stellen gekostet habe. Seit seiner Einführung seien hierzulande vielmehr 300 000 Arbeitsplätze neu geschaffen worden.

Sinn widerspricht. Was auch sonst. „Ich werde von der Wirtschaftspolitik nicht lassen“, kündigt er für die Zeit nach seinem Ifo-Abschied an. „Dann als Konsument.“

T. Magenheim-Hörmann

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