Schlecker-Mitarbeiter verunsichert

München – Schlecker will sich neu aufstellen und trennt sich reihenweise von unrentablen Drogeriemärkten – gerne auch ganz spontan. Die Mitarbeiter sind verunsichert.

Es sind unruhige Zeiten für die rund 35 000 Mitarbeiter der Drogeriemarktkette Schlecker. Kurz vor Weihnachten ist von besinnlicher Stimmung nicht viel zu spüren. Denn niemand weiß, ob sein Job noch sicher ist. Überall im Land schließen reihenweise Filialen – auch in Bayern. „Es geht hier seit mehreren Wochen rund“, bestätigt Georg Wäsler von der Gewerkschaft Verdi in München. Vor allem im ländlichen Raum würde ein Schlecker-Markt nach dem anderen dichtmachen.

Von einer „Schließungswelle“, wie es der Gewerkschafter nennt, will man bei Schlecker nichts hören. Man führe „Revitalisierungsmaßnahmen“ durch, sagt Firmen-Sprecher Patrick Hacker – doch das klappe nun mal nicht bei allen rund 7500 Filialen. Und von jenen, die mehr kosten als sie einbringen, müsse man sich eben „schweren Herzens“ trennen. „Das ist anders langfristig nicht ökonomisch tragbar“, begründet Hacker diese „Bereinigung des Filialnetzes“.

Betriebswirtschaftlich mag das einleuchten – doch der Umgang mit diesem Thema verstört. Der Konzern wende eine Überrumpelungstaktik an, kritisiert Gewerkschafter Wäsler. Auch Mitarbeiter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, erzählen, dass sie nichts Konkretes erfahren, im Unklaren gelassen werden. „Dann taucht überraschend der Regionalleiter auf, verkündet die Schließung und dann passiert erst mal lange nichts“, sagt Wäsler. Erst Tage später, werde den verunsicherten Mitarbeitern dann kurzfristig ein neues Angebot gemacht: die Versetzung in einen anderen, teils weit entfernten Markt.

Wäsler weiß von Angeboten, die seiner Meinung nach unzumutbar seien. Einer Teilzeitkraft auf 20-Stunden-Basis sei mitgeteilt worden, sie könne ab sofort in einer anderen Filiale arbeiten, zu der sie jeden Tag über drei Stunden hin und zurück fahren müsste. „Doch die Mitarbeiterin hat nicht einmal ein Auto“, ärgert sich Wäsler.

Warum Mitarbeiter von ihrem Schicksal und der Versetzung erst kurzfristig erfahren, kann sich der Konzern-Sprecher nicht erklären. Da müsse man den Einzelfall kennen, sagt Hacker. Er gibt aber zu, dass einige Schließungen tatsächlich sehr kurzfristig vom Konzern beschlossen werden, wenn etwa der Mietvertrag ausläuft.

Wäsler mutmaßt, dass die krude Kommunikation weniger etwas mit dem Konzern, als mit seinen regionalen Führungskräften und unübersichtlichen Strukturen zu tun hat. „Bei Schlecker hat sich viel getan in der letzten Zeit“, sagt Wäsler. „Aber vielleicht ist diese neue Art mit den Mitarbeitern umzugehen noch nicht bei allen angekommen.“

Seit gut einem Jahr haben die Kinder des Firmengründers Anton Schlecker die Führung übernommen. Meike und Lars Schlecker verordneten dem Konzern eine Modernisierungskur gegen die oft dusteren, dicht gedrängten und kleinen Märkte.

Denn Schlecker kämpft mit Verlusten. Auch dieses Jahr wird der Konzern nach Angaben von Lars Schlecker mit roten Zahlen abschließen – wie bereits in den vergangenen drei Jahren. Erst 2012 plane man, wieder profitabel zu sein. „Der Wettbewerb hat einen guten Job gemacht“, gibt Konzern-Sprecher Hacker zu. Vor allem die Einzelhandelsketten hätten ihr Drogerie-Sortiment spürbar ausgebaut. Das kostet Umsatz.

Im Juni hieß es, dass noch bis zu 800 Schlecker-Filialen wegfallen müssten, wohingegen 200 von insgesamt 700 für dieses Jahr geplante Umbau-Projekte bereits realisiert seien. Wie viele Schlecker-Märkte aber nun genau schließen müssen, könne man nicht sagen – „da habe ich keinen Überblick“, sagt Hacker. Auch gebe es im Konzern keine Liste, die man nun nach und nach abarbeite. Er wisse nur, dass man im ersten Quartal 2012 den Großteil der Umstrukturierung beendet haben möchte.

Bislang seien auch betriebsbedingte Kündigungen die „absolute Ausnahme“, betont der Konzernsprecher, ohne Zahlen zu nennen. Gewerkschafter Wäsler geht jedoch davon aus, dass sich das noch ändern wird. Die Versetzungen der Mitarbeiter seien „Augenwischerei“ und würden nur dazu dienen, kostspielige Kündigungen zu umgehen. Doch die Annahme, dass Schlecker hier ohne Abfindungszahlungen herauskomme „ist vollkommene Illusion“, meint Wäsler.

Stefanie Backs

Rubriklistenbild: © dpa

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