Schmidt: "Steuerreform ist seit Jahren überfällig"

- München - Eigentlich sind Banker verschwiegen und diplomatisch. Werner Schmidt lehnt sich zurück, lächelt freundlich und lässt dann einen Rundumschlag los, dass es donnert. Der Chef der Landesbank wirft Politikern aller Coleur vor, die massiven Probleme im Staat nicht zu erkennen, geschweige denn zu lösen, und sich stattdessen in Eitelkeiten zu verzetteln - ein verheerendes Zeugnis, erteilt von einem der mächtigsten Banker Deutschlands.

<P>Sollen doch die anderen von der Talsohle reden - Schmidt glaubt nicht an den schnellen Aufschwung: "Die Situation wird immer schlimmer. Es droht eine Abwärtsspirale." Man müsse davon ausgehen, dass in den nächsten drei Jahren nur 1,5 Prozent Wachstum erreicht würden. Zu wenig, um das Heer der Arbeitslosen zu verkleinern, zu wenig, um Staatshaushalt und Sozialsysteme ins Lot zu bringen: "Ich glaube, in unserem Land sind sich nicht alle über den Ernst der Lage im Klaren."<BR><BR>Freilich, zur selben Stunde brütet das Bundeskabinett über neuen Reformen: Arbeitsmarkt, Gemeindefinanzen, Steuern. "Erste Schritte", sagt Schmidt, "aber sie reichen nicht aus." Vor allem drohen sie in der politischen Mühle zerklopft zu werden. Er fürchte, sagt der 60-Jährige beim Gespräch mit unserer Redaktion, "dass wir wieder lange, lange Diskussionen bekommen und nichts geschieht".<BR><BR>Einen Schritt wie die vorgezogene Steuerreform hält er für seit Jahren überfällig. Auch auf Pump, zumindest bis zu einem Drittel. Die Opposition warnt er indirekt (aber ziemlich deutlich) davor, die Reform zu blockieren: "Es geht hier nicht um Parteiinteressen. Es geht um die Zukunft des ganzen Landes. Das sollte man nicht verwechseln mit Profilierung innerhalb von Parteien."<BR><BR>Die Zeit drängt. Schmidt warnt vor Abwanderungsabsichten der Firmen: "Noch sind die Unternehmer motiviert, doch die Freude ist zunehmend abnehmend." Gleichzeitig wachse das Desinteresse der Bürger: "Wir sind ein bisschen müde und faul geworden, ein wenig Freizeitgesellschaft. Das ist schade."<BR><BR>Zum Sparen auch den<BR>Ländern an den Kragen</P><P>Für einen leitenden Banker sind das unerhört deutliche Worte. Schmidt geht sogar noch weiter. Er fordert, das politische System durch einen Neuzuschnitt der Bundesländer aufzulockern und damit Kosten zu sparen: "Man muss über die Frage einer Länderneugliederung diskutieren."<BR><BR>Verschwiegen und diplomatisch wird Schmidt umso schneller, wenn es um das eigene Geschäft geht. Nur mit größter Mühe hat er die Bank, die zur Hälfte dem Freistaat und zur anderen Hälfte dem Sparkassenverband gehört, aus den roten Zahlen gespart.<BR>Verheerende Kreditausfälle bei Kirch und Co., Enron oder in Südostasien kosteten in den vergangenen Jahren mehrere Milliarden, dazu kam die Ertragskrise der Großbanken. Schmidt wurde geholt, als das Institut im Jahr 2001 fast ein Sanierungsfall war. Kein dankbarer Job. Die international einst übereifrige Bank stutzt er seither auf Bayern-Maß zurecht.<BR><BR>Rückblickend, das sagt Schmidt einsilbig über die Pleiten-Engagements seiner Vorgänger, sei man immer schlauer. Und als man sich bei Kirch eingebracht habe, "da hat jeder über die vielen neuen Arbeitsplätze gejubelt".<BR><BR>"Wir sind ein bisschen müde und faul geworden, ein wenig Freizeitgesellschaft. Das ist schade."<BR>Landesbank-Chef Werner Schmidt</P><P>Der fleißige Schwabe - mit 28 war er schon Bankdirektor in Stuttgart - wird von seinen Mitarbeitern als Arbeitstier gefürchtet. Auch Schrumpfen ist anstrengend. Er will mit der Bayern-Bank nicht mehr "an jeder Ecke und Kante der Welt präsent sein". Je weiter sie vom Heimatmarkt und ihren originären, global tätigen Kunden entfernt ist, desto größer sei das Risiko. Fast alle Filialen außerhalb Bayerns wurden dicht gemacht. Für 1000 Mitarbeiter ist das Kapitel Landesbank in diesen Monaten beendet. Mehr sollen es nicht werden, beteuert der Chef. Die Unruhe wegen der Entlassungen ist groß.<BR><BR>Auch Beteiligungen werden abgestoßen, überall wird rationalisiert. Branchenkreise spekulieren sogar über eine Fusion der fünftgrößten deutschen Bank, etwa mit der HVB oder anderen Landesbanken. Schmidt dementiert - er wisse nicht, wo es da für die Bayern-LB einen Mehrwert geben könne. Bei einem Zusammengehen etwa der südlichen Landesbanken frage er sich, ob Reibungsverluste größer seien als mögliche Einsparungen.<BR><BR>Die potenziellen Partnerbanken kennt Schmidt, der seine Karriere am Schalter der Kreissparkasse Böblingen begann, allerdings gut. Als er, damals Chef der Landesbank Baden-Württemberg, nach Bayern wechselte, sagte ihm sein Verwaltungsrat auch nur das Beste nach: Er sei ein "hervorragender Fusionsmanager".</P>

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