Schmiergeld-Affäre: Siemens spürt jetzt 420 Millionen Euro nach

- München ­- Siemens hat im eigenen Haus anrüchige Geldströme im Gesamtumfang von 420 Millionen Euro identifiziert. Damit ergreift der Konzern in der Schwarzgeldaffäre erstmals die Initiative. Die Börse bleibt auch angesichts dieser Höhe fraglicher Geldströme gelassen. Eine Überprüfung der Zahlungströme in den letzten sieben Jahren habe "zweifelhafte Gesamttransaktionen" von 420 Millionen Euro ergeben, sagte Finanzchef Joe Kaeser.

In dieser Summe seien auch die mindestens 200 Millionen Euro enthalten, die die Staatsanwaltschaft München bislang als Schwarzgeld identifiziert hat. Die nun Siemens-intern ermittelte gut doppelt so hohe Summe müsse aber nicht komplett mit Schmiergeld identisch sein, betonte Kaeser.

Die auffälligen Zahlungen an Beraterfirmen, deren genauen Zweck Siemens nun klären will, hätten zudem eine Korrektur der Bilanzen im Umfang von insgesamt 168 Millionen Euro ausgelöst. Damit vermindere sich der Nachsteuergewinn für das Anfang Oktober zu Ende gegangene Geschäftsjahr 2005/06 von gut 3,1 auf noch 3,0 Milliarden Euro. Weitere finanzielle Risiken, etwa durch mögliche Strafzahlungen, wollte der Finanzchef nicht ausschließen.

Die Börse blieb gelassen. Der Siemens-Aktienkurs bewegte sich kaum. "Die finanziellen Auswirkungen halten sich in Grenzen, auch in Relation zum Jahresüberschuss", erklärte Roland Pitz, Analyst der HypoVereinsbank.

Konzernchef Klaus Kleinfeld, Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer und Finanzvorstand Kaeser stellten sich erstmals seit Beginn der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen vor vier Wochen der Öffentlichkeit. Das Führungstrio räumte dabei Fehler im Anti-Korruptionssystem des Konzerns ein und kündigte radikales Aufräumen an. "Es hat nicht gereicht", gestand Kleinfeld mit Blick auf die bisherigen Kontrollmechanismen ein und versprach "null Toleranz" gegenüber Fehlverhalten von Managern in punto Korruption.

"Wir werden dem Spuk der Korruption bei uns ein Ende machen", betonte von Pierer. Er war bis Januar 2005 Vorstandschef von Siemens, womit ein Großteil des von der Staatsanwaltschaft aufgedeckten Aufbaus Schwarzer Kassen in seine Amtszeit fällt. Mehrere Experten haben deshalb einen Rücktritt des jetzigen Siemens-Aufsichtsratschefs gefordert. Denn es bestehe die Gefahr, dass er in dieser Funktion frühere Verfehlungen aus seiner Zeit als Vorstandschef verfolgen müsse und damit befangen sei. Diese Gefahr sieht von Pierer nicht. Er will für sich auch keine politische Verantwortung aus dem aufdeckten Schwarzgeldsystem des inzwischen aufgelösten Geschäftsbereichs Communications (Com) ableiten und nun vielmehr Aufklärung betreiben.

Von Pierer äußerte sich auch zur Frage, wie bei Siemens in den letzten Jahren ­- offiziell unbemerkt ­- ein System Schwarzer Kassen installiert werden konnte. "Eine Gruppe von Managern hat sich zusammengeschlossen, um alle Regeln im Unternehmen außer Kraft zu setzen", sagte der amtierende Aufsichtsratschef. Die Staatsanwaltschaft spricht von Bandenbildung.

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