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Schokoladenquadrate von Ritter Sport werden in Waldenbuch gefertigt.

Aroma im Visier

Schokoladenstreit vor Gericht

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München - Natürliches oder künstliches Aroma? Die Stiftung Warentest und der Süßwaren-Hersteller Ritter Sport kämpfen vor Gericht darum, wie ein Aromastoff in der Nussschokolade produziert wird. Ein Schokoladenstreit zur Weihnachtszeit.

Eifrig reichten Fotografen und Kameraleute am Freitagvormittag in einem Saal des Landgerichts München I eine Packung Ritter Sport Voll-Nuss herum, um sie abzulichten. Verführerisch glänzen die „handverlesenen, ganzen“ Haselnüsse auf der Packung. Und die Schokolade schmeckt auch so, wie sie aussieht – nämlich gut. Das sah auch die Stiftung Warentest so, als sie für das Dezemberheft zahlreiche Nuss-Schokoladen testete. Trotzdem bewertete sie die Ritter Sport Voll-Nuss mit „mangelhaft“, weil der Inhaltsstoff Piperonal – anders als auf der Packung angegeben – nicht „natürlich“ sei. Diese Angabe führe den Käufer in die Irre. Also eine glatte Fünf.

Ritter Sport hält dagegen: Sein Piperonal, geliefert vom Branchen-Riesen Symrise, sei sehr wohl natürlich und nicht chemisch hergestellt. Das Familienunternehmen hält die Behauptung für „ehrenrührig“ – und erwirkte am 28. November vor Gericht eine einstweilige Verfügung, derzufolge die Stiftung Warentest nicht mehr behaupten darf, dass das Piperonal chemisch produziert sei. Daraufhin legte die Stiftung Widerspruch ein. Nun wurde zum ersten Mal mündlich vor Gericht verhandelt. Und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit. Ausgang noch offen.

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Der Vorsitzende Richter Peter Lemmers bemühte sich, dass sich beide Seiten einigen. Er riet ihnen, ein gemeinsames Gutachten in Auftrag zu geben, in dem die Herkunft des Piperonals geklärt werden soll. Sogar einen Text entwarf das Gericht. Doch trotz langer Verhandlungen scheiterte der Vergleich. Die Fronten im Nuss-Schokoladenstreit sind schwer zu knacken.

Die Stiftung Warentest und ihre Lebensmittelchemiker sind überzeugt davon, dass man Piperonal nicht im großen Stil zu vertretbaren Preisen natürlich herstellen kann. Dies sei bei kleinen Mengen möglich, sagte eine Expertin. Aber nicht bei Mengen wie denen von Ritter Sport, wo täglich 2,5 Millionen Tafeln Schokolade produziert werden. Die Chemiker hätten gründlich recherchiert und Fachbücher sowie Patentschriften gewälzt – hätten aber keine Methode gefunden. Der Anwalt der Stiftung forderte Ritter Sport und Symrise dazu auf, den Produktionsprozess des Aromastoffs offenzulegen. Der Geheimnisschutz, auf den sich diese berufen, werde nur vorgeschoben, „weil wir einen Volltreffer gelandet haben“.

Die Produzenten verwahren sich gegen den Vorwurf. Man berufe sich auf den Geheimnisschutz, um sich vor der Konkurrenz zu schützen. Die natürliche Herstellung des Piperonals könne man sich nämlich nicht patentieren lassen. Dennoch habe man seine eigene, ausgefeilte Rezeptur.

Gericht gewährt Geheimnisschutz

Das Gericht jedenfalls gewährte den Geheimnisschutz und schloss die Öffentlichkeit aus, als nachmittags Zeugen zum Produktionsprozess aussagten. Piperonal mit Vanille- und Mandelgeruch kommt natürlich unter anderem in Blütenölen und in Pflanzen wie Pfeffer und Dill vor.

Mit dem Schokoladenstreit rückt auch die Branche der Geschmackstoffhersteller in den Fokus. Allen voran besagter Piperonal-Hersteller Symrise aus dem niedersächsischen Holzminden. Das Unternehmen macht einen Jahresumsatz von 1,75 Milliarden Euro und ist mit Abstand die Branchen-Nummer-Eins in Deutschland.

„Fast alle Aromen sind natürlichen Ursprungs“, sagt Firmensprecher Bernhard Kott. „Das gilt auch für Piperonal.“ Die Sensibilität der Verbraucher für natürliche Produkte sei stark gestiegen. Sein Unternehmen habe darauf reagiert. Selbst Geschmacksverstärker hätten heutzutage eine natürliche Basis. Dazu verarbeitet Symrise jährlich 5000 Tonnen Zwiebeln. Einzig Menthol, das für Kaugummi oder Zahncreme verwendet wird, werde „komplett synthetisch“ hergestellt. Rund 15 000 Aromen hat Symrise im Angebot: Süß, salzig, sauer, bitter, würzig, gemüsig, fruchtig, fleischartig. Zu den Kunden zählen fast alle Größen der Nahrungsmittel- sowie der Kosmetik- und Reinigungsmittelindustrie.

„Verbraucher müssen vor Aromen keine Angst haben“, sagt Hedi Grunewald von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Eine Gesundheitsschädigung sei nicht zu befürchten. „Auch lebensmittelrechtlich ist alles in Ordnung.“ Allerdings sei der Geschmack zum Beispiel eines Erdbeer-Aromas nie derselbe wie der einer Erdbeere.

Von Nina Gut

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