Schrankenlos gen Bosporus: Wirtschaft für türkischen EU-Beitritt

- München - Während die Politiker über Vor- und Nachteile eines EU-Beitritts der Türkei streiten, sind sich die Wirtschaftsverbände weitgehend einig: Handel und Industrie würden profitieren, sollte das islamische geprägte Land in zehn oder 15 Jahren zur Union stoßen. Allerdings dürfe die Erweiterung nicht um jeden Preis stattfinden.

<P>Sprechen Unternehmer über die Türkei, bekommen sie glänzende Augen: Zum einen ist das Land mit gut 70 Millionen Einwohnern ein riesiger, noch schlummernder Absatzmarkt. Zum anderen locken Löhne, die nur ein Sechstel des deutschen Niveaus betragen. Da verwundert es nicht, dass schon heute 1300 deutsche Firmen aus der Bundesrepublik vor allem im Westen des Landes Geschäfte machen. Siemens etwa gründete am Bosporus bereits 1856 das "Istanbul Telegraf Center". 150 Jahre später produziert der Münchner Konzern an mehreren Standorten unter anderem Handys und macht damit immerhin 0,85 Prozent (2003: 630 Millionen Euro) seines gesamten Jahresumsatzes. Die Türkei-Eindrücke sind positiv - auch bei den anderen Betrieben.<BR><BR>"Wir sind total zufrieden. Das ist ein sehr guter Standort", sagt Eva Delabre, Sprecherin von Bosch Siemens Hausgeräte (BSH). In Cerkezköy, nördlich von Istanbul, lässt das Unternehmen seit zehn Jahren Waschmaschinen, Kühlschränke und Herde fertigen. Auch MAN, das in Ankara Reise- und Linienbusse zusammenschrauben lässt, macht "sehr gute Erfahrungen". Dasselbe gilt für die türkische Nutzfahrzeugproduktion von Daimler-Chrysler.<BR><BR>Allerdings haben die deutschen Unternehmen auch mit Problemen zu kämpfen. "Das größte Hemmnis ist der türkische Zoll", sagt Manfred Gößl, Türkeiexperte der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Obwohl für Industrieerzeugnisse seit 1996 keine Zölle mehr fällig werden, sei das Zollverfahren bei der Ein- und Ausfuhr von Waren nach wie vor sehr zeitaufwendig. "Wöchentlich gibt es neue Vorschriften", klagt Gößl. Hinzu kämen bürokratische Hürden, die investitions-willigen Unternehmen Steine in den Weg legen. Im Jahr 2003 gab es deswegen laut der IHK weniger Direktinvestitionen in der Türkei als in den afrikanischen Ländern Angola oder im Sudan.<BR><BR>"Um die Handelshindernisse abzubauen, steht die IHK dem EU-Beitritt der Türkei positiv gegenüber", sagt Gößl. Er erwartet, dass vor allem die exportabhängigen deutschen Unternehmen profitieren würden, indem etwa die Transportkosten um 20 bis 30 Prozent sinken. Ähnlich äußern sich andere Wirtschaftsverbände.<BR><BR>Deutsche Markenprodukte sind in der Türkei begehrt<BR><BR>"Wie schon bei den vorangegangenen Erweiterungen rechnen wir mit einer beitritts-induzierten Wachstums- und Gewinnspirale, von der Deutschland überproportional profitiert", sagte Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), kürzlich. Michael Rogowski, Chef des Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), sieht in der Türkei einen Wachstumsmarkt mit großem strategischem Potenzial. Denn schon heute ist die Bundesrepublik größter Handelspartner des Landes. "Deutsche Markenprodukte sind sehr gefragt", sagt Manfred Gößl.<BR><BR>Trotz der Vorteile wollen die Wirtschaftsverbände eine EU-Erweiterung nicht um jeden Preis. "Voraussetzung ist, dass die Türkei sich dem Wertesystem der EU anpasst", sagt BGA-Chef Anton Börner. Manfred Gößl fordert, dass die Reformen von Ministerpräsident Erdogan richtig umgesetzt werden müssen. "Sie müssen gelebt werden und dürfen nicht nur auf dem Papier stehen", sagt er. Zudem sei eine Erweiterung der Union nur sinnvoll, wenn die Kommission in Brüssel eine Verfassung verabschiede und die Agrar- und Regionalförderungen reduziert.<BR><BR>Sollte der Türkei der Weg nach Europa versperrt werden, rechnet Anton Börner mit einem Erstarken radikal-islamistischer Tendenzen: "Ein Anker der Stabilität würde wegfallen." Er schätzt, dass der wirtschaftliche Schaden dann höher wäre als die möglichen Beitrittskosten.</P>

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