Der Weg aus den Schulden wird kürzer

München - Hoffnung für Tausende Hochverschuldete: Voraussichtlich ab Mitte dieses Jahres wird der Weg raus aus den lebenslangen Miesen einfacher und auch billiger. Der Verbraucherkonkurs, mit dem man sich offiziell für pleite erklären und nach gut sechs Jahren harten Durchhaltens seinen Schuldenberg loswerden kann, wird gestrafft.

Das bisherige Insolvenzverfahren gilt seit 1999. Bislang kann sich erst jeder zehnte überschuldete Haushalt zur Verbraucherinsolvenz durchringen.

Das gilt bisher

Ein Erwachsener muss dabei sechs Jahre lang den pfändbaren Teil seines Einkommens an einen Treuhänder abgeben. Das ist alles, was über derzeit 985 Euro im Monat (ohne Unterhaltspflichten) hinausgeht. Hat er keinen Job, muss er sich um Arbeit bemühen und jede zumutbare Beschäftigung annehmen.

Hält er sich an alle Auflagen, wird er vom Gericht für schuldenfrei erklärt. Er ist damit alle Restschulden los, egal, ob sie durch Autokauf, Ratenkredit, Bürgschaft oder Steuerforderungen aufgelaufen sind. Geldstrafen oder Schadensersatzforderungen nach Diebstahl oder Betrug kann man nicht abschütteln.

Wer eiserne Disziplin mitbringt und die richtigen Berater an der Seite hat, hat nach Ansicht von Experten gute Chancen, mit dem Verbraucherkonkurs aus dem Teufelskreis der Verschuldung rauszukommen.

Das soll bald gelten

Zeitersparnis kann in Zukunft der Wegfall des gerichtlichen Zwischenschritts bringen. Auf den kann verzichtet werden, wenn vom Schuldner definitiv nichts mehr zu holen ist. Nach Angaben von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) ist das in 80 Prozent der jährlich gut 96 000 Privatpleiten der Fall. Ist der Betroffene absolut zahlungsunfähig, kann für ihn gleich die Wohlverhaltensphase von sechs Jahren beginnen, in der so viel wie möglich an die Gläubiger zurückgezahlt werden soll. Gibt es jedoch noch verwertbares Vermögen an Gläubiger zu verteilen, wie bei den übrigen 20 Prozent der Schuldner der Fall, wird das Gericht zwischengeschaltet wie gehabt, wie Marius Stark von der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände erläutert.

Das neue, gestraffte Verfahren bedeutet unterm Strich auch weniger Kosten. In erster Linie profitiert erst einmal der Staat. Die Bundesländer sparen Zypries zufolge mit der Reform etwa 150 Millionen Euro an Verwaltungskosten pro Jahr. Aber auch die Verbraucher selbst dürften viele hundert Euro sparen, lauten die Erwartungen der Bundesregierung.

Die Kosten

Grundsätzlich schlägt das Gerichtsverfahren samt Aufwendungen für den Treuhänder derzeit mit rund 2300 Euro zu Buche. Das Geld wird aus dem pfändbaren Vermögen gezahlt. Ist beim Schuldner nichts zu holen, werden ihm diese Kosten zwar zuerst gestundet. Nach Ende der Wohlverhaltenszeit aber muss er noch weitere vier Jahre für die Verfahrenskosten haften und rückwirkend zahlen, sollte das Einkommen dann hoch genug sein. Das soll in Zukunft wegfallen. Der Wermutstropfen: Die Schuldner werden bei der reformierten Prozedur erstmals regelmäßig zur Kasse gebeten.

Sie müssen am Anfang 25 Euro ans Gericht zahlen und monatlich 13 Euro während der gesamten Wohlverhaltensphase. Fließt kein Geld, wird das Verfahren abgebrochen. "Die Zahlungen aufzubringen, kann für ALG-II-Empfänger schon hart werden", gibt Andrea Hoffmann von der Verbraucherzentrale Sachsen zu bedenken.

Wo es Hilfe gibt

Wer tief in Schulden steckt, sollte sich so schnell wie möglich Hilfe suchen und nicht warten, bis das Konto gesperrt, der Lohn gepfändet oder der Strom abgedreht ist. Birgit Höltgen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät Betroffenen, sich bei den bundesweit gut 1050 anerkannten Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen frühzeitig um Unterstützung zu kümmern. Eine Auswahl solcher Stellen finden Sie im Kasten links. Eine umfangreiche Übersicht gibt es im Internet (www.meine-schulden.de) oder telefonisch unter 01801 / 90 70 50 (Montag bis Donnerstag von 7 Uhr bis 19 Uhr; der Anruf kostet von 8 bis 18 Uhr 4,6 Cent, sonst 2,5 Cent pro angefangener Minute aus dem Festnetz).

Verbraucherschützer rechnen damit, dass der Andrang auf die ohnehin überlasteten Schuldnerberater noch zunehmen wird. Derzeit müssen teils Wartezeiten von mehreren Monaten einkalkuliert werden. Neben den Verbraucherzentralen helfen Sozialämter oder auch Wohlfahrtsorganisationen überschuldeten Menschen.

Beratungsstellen für Schuldner

Bundesweit sind über 1000 Schuldnerberatungsstellen anerkannt. Hier eine Auswahl von Anlaufstellen in Oberbayern:

München

- AWO Schuldnerberatung im Gewerkschaftshaus (Schwanthalerstr. 64, 80336 München, Telefon: 089 / 53 27 16)

- Caritaszentrum Innenstadt Schuldnerberatung (Landwehrstr. 26, 80336 München, Telefon: 089 / 23 11 49-30)

- DRK Schuldnerberatungsstelle

(Seitzstr. 8, 80538 München, Telefon: 089/23 73-245 oder -264)

- Schuldnerberatungsstelle des Sozialreferates

(Mathildenstraße 3a, 80336 München, Telefon: 089 / 233-24353)

Rosenheim

- Caritaszentrum Rosenheim

(Reichenbachstr. 5, 83022 Rosenheim, Telefon: 0 80 31 / 20 37-0)

- Diakonisches Werk Rosenheim

(Klepperstr. 18, 83022 Rosenheim, Telefon: 0 80 31 / 23 51 149)

Garmisch-Partenkirchen

- Caritas-Kreisverband Garmisch-Partenkirchen Schuldnerberatung

(Martinswinkelstr. 11 a, 82467 Garmisch-Partenkirchen, Telefon: 0 88 21 / 94 34 880)

Freising

- Caritaszentrum Freising

(Bahnhofstraße 20, 85354 Freising, Telefon: 0 81 61 / 53 87 910)

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