Computer-Raum in der Schule: Auch anderthalb Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie kommt die überfällige Digitalisierung der Schulen nicht in Schwung.
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Computer-Raum in München: Auch anderthalb Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie kommt die überfällige Digitalisierung der Schulen nicht vom Fleck.

Nur zwei Länder schwächer als Bayern

IT an Schulen so schlecht wie vor Corona – Branchen-Experte: „Wlan so langsam wie Rauchzeichen“

  • Thomas Schmidtutz
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Corona hat viele Defizite offengelegt - auch an den Schulen. Doch wer glaubt, anderthalb Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie sei die IT an deutschen Schulen endlich fit für den Digital-Unterricht, irrt.

München – Der Deutschland-Chef des weltgrößten Computerbauers Lenovo*, Mirco Krebs, hat angesichts der schleppenden Digitalisierung der Schulen in Deutschland dringend Nachbesserungen angemahnt. Die Verfahren zur Beantragung von PCs oder Tablets müssten „rasch vereinfacht werden“, forderte der IT-Experte gegenüber Merkur.de.

Außerdem bräuchten die Schulen Unterstützung durch IT-Beauftragte sowie einen Leitfaden, in dem die Eckpfeiler für die nötige Infrastruktur definiert würden. Dabei sieht der Lenovo-Manager auch die Lehrer in der Pflicht. Sie müssten sich stärker für neue Medien öffnen, forderte Krebs, der bei Lenovo die Region Deutschland, Österreich und die Schweiz (DACH) verantwortet.

Deutliche Kritik übte Krebs, der gerade einen Großauftrag zur Ausstattung an Münchner Schulen* gewonnen hat, auch an der IT-Infrastruktur an vielen Schulen. Die Datenübermittlung vieler Wlan-Netze an Schulen erreiche häufig kaum die „Geschwindigkeit von Rauchzeichen“, monierte der Vater zweier schulpflichtiger Kinder.

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Digitalpakt Schule: Beschämende Bilanz

Der Bund hatte im Mai 2019 im Rahmen des Digitalpakts Schule fünf Milliarden Euro für die Modernisierung der Schulen in Deutschland bereitgestellt. Mit dem Ausbruch der Pandemie und dem zwischenzeitlichen Umstieg vom Präsenz-Unterricht auf Homeschooling packte der Bund drei weitere Pakte für Laptops für Schüler und Lehrer sowie den Ausbau der digitalen Lehr-Infrastruktur im Volumen von jeweils 500 Millionen Euro obendrauf.

Doch die Bilanz ist bislang beschämend. Nach einer aktuellen Übersicht der Kultusminister-Konferenz und des Bundesfinanzministeriums haben die Länder bis Ende Juni zusammen gerade 189 Millionen Euro abgerufen. Das entspricht einem Anteil von homöopathischen 3,8 Prozent.

Digitalpakt Schule: Nur zwei Länder sind noch schlechter als Bayern

Zu den schlechtesten Bundesländern gehört dabei ausgerechnet Bayern. Dem Freistaat, der sich so gerne für Laptop und Lederhosen feiert, stünden eigentlich 778 Millionen Euro aus dem ersten Digitalpakt zu. Abgerufen hat Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) davon aber bis Ende Juni gerade sechs Millionen Euro. Schlechter sind nur noch das Saarland mit 100.000 Euro und Schlusslicht Thüringen. Die Landesregierung in Erfurt hat bis zum Stichtag der Erhebung Ende Juni keinen einzigen Euro beantragt.

Wie weit Deutschland bei der Digitalisierung der Schulen hinterherhinkt, zeigt auch ein Blick über die Grenze. So ist nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens IDC die IT-Ausstattung von Lehrern mit Laptops oder Tablets europaweit im ersten Halbjahr 2021 gegenüber dem Vorjahr um rund 85 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: In Deutschland legte die Ausrüstung von Lehrern mit Laptops und Tablets um überschaubare 18 Prozent zu.

Digitalisierung der Schulen: Antragsformular mit 70 Seiten

Zur Begründung für die schleppende Entwicklung verweisen Experten unter anderem auf das komplizierte System. So müssten in Deutschland etwa die Länder beim Bund die entsprechenden IT-Förderaufträge stellen. Die eigentlichen Schulträger seien aber in der Regel die Kommunen. Gerade klamme Kreise, Städte und Gemeinden fürchten aber, dass ihre Anträge womöglich doch nicht durchgewunken werden könnten und sie auf den Kosten sitzen bleiben - und halten sich daher lieber zurück.

Dazu kommt der endlose Papierkrieg. Erst vor gut vier Wochen hatte der Chef des Branchenverbands Bitkom, Achim Berg, moniert, dass die Förder-Anträge zu Hilfen aus dem Digitalpakt über 70 Seiten umfassten. Da steige kaum noch jemand durch.

Lenovo-Mann Mirco Krebs will die Einwände nicht gelten lassen und erwartet mehr Initiative. Deutschland lebe als größte Volkswirtschaft Europas von seinem Wissen. „Wenn wir uns in Sachen IT-Infrastruktur-Ausstattung für Schule und Bildung nicht mehr anstrengen, steht unsere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel.“ *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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