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„Die Reichen dürfen immer noch reich sein“: Millionen-Erbe will besteuert werden

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Von: Laura May

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1995 geht das Familienunternehmen Schwarz aus Monheim am Rhein an die Börse. 2006 wird die deutsche Schwarz-Pharma dann für 4,4 Milliarden Euro an den belgischen Pharmakonzern USB verkauft. Der Unternehmenserbe Antonis Schwarz (Foto) wird quasi über Nacht reich. Zum Abschied bekommen alle Mitarbeiter 10.000 Euro geschenkt – die Familie lässt sich dieses Dankeschön 42 Millionen Euro kosten.
Antonis Schwarz © Antonis Schwarz

Der Millionen-Erbe Antonis Schwarz will mehr Steuern zahlen und sich nicht auf seinem Geld ausruhen. Er fordert mehr Gerechtigkeit.

München – Antonis Schwarz ist reich. Superreich. Seine Familie verkaufte 2006 ihre Mehrheitsbeteiligung an Schwarz Pharma und machte den Erben Antonis Schwarz quasi über Nacht zu einem „kleinen Millionär“, wie er sich selbst bezeichnet. Den genauen Umfang seines Vermögens gibt er nicht bekannt – die Kapitalgewinne spendet er zu 100 Prozent* an Aktivisten und soziale Bewegungen. Zuletzt 500.000 Euro an die Grünen.

Der heute 33-Jährige will sich nicht auf seinem Geld ausruhen. Im Unterschied zu anderen Vermögenden ist die Öffentlichkeit für Schwarz kein Tabu, sondern eine Herzensangelegenheit. Gemeinsam mit der Initiative „Tax Me Now“ rückt er die in seinen Augen ungerechte Besteuerung großer Vermögen ins Rampenlicht.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie reicher sind als andere Kinder?

Das war in Griechenland, dem Geburtsland meiner Mutter. In Athen ist mir das erste Mal aufgefallen, dass Kinder in meinem Alter auf der Straße betteln müssen. Da habe ich früh mitbekommen, dass es große Unterschiede gibt. Wie große, das habe ich verstanden, als ich mit meiner Großfamilie auf die Aktionärsversammlungen von Schwarz-Pharma gegangen bin. Ich war zehn oder zwölf und habe gesehen, was da für eine riesige Firma dahintersteckt. Ich wusste dann: Wir sind irgendwie reich. Trotzdem bin ich einigermaßen normal aufgewachsen, auf eine öffentliche Schule gegangen. Die Firma wurde erst 2006 verkauft, der sogenannte goldene Regen kam danach.

Warum möchten Sie Ihr Kapital jetzt wieder loswerden? Haben Sie so viel Vertrauen in den Staat?

Für mich steht nicht das Loswerden im Vordergrund. Ich will in einer Gesellschaft leben, in der die Vermögensverhältnisse nicht so eklatant auseinanderklaffen. Der Staat ist der einzige demokratisch legitimierte Akteur, der diese Umverteilung vornehmen darf. Ein gewisses Maß Verteilung ist absolute Kernfunktion des Staates. Viele der großen kapitalistischen Erfolge waren nur durch die Vorarbeit staatlich finanzierter Forschung und Infrastruktur möglich. Die Erfindung des Internets am CERN ist eines der bekanntesten Beispiele dafür.

Das heißt, Sie möchten den Kapitalismus nicht durch Sozialismus ersetzen?

Ich persönlich glaube an Evolution statt Revolution. Ich denke auf jeden Fall, dass wir in Deutschland eine Wende in der Steuerpolitik brauchen. In den letzten 30 Jahren haben wir Steuern für Hochvermögende sukzessive abgebaut. Durch die hohen Corona-Ausgaben und die Rentenfinanzierung sind wir an einem Punkt, wo dieser Trend sich umdrehen muss – es klafft ein riesiges Loch von rund 200 Milliarden Euro im Jahr im Haushalt. In Deutschland wird nicht stark genug progressiv besteuert! Ein Beispiel: Die BMW-Milliardärin Susanne Klatten zahlt bei Aktiengeschäften* dieselbe Kapitalertragssteuer wie eine Arbeiterin, die sich gerade ein Polster aufbauen möchte. Eigentlich sollte gelten: je mehr Geld jemand hat, desto mehr zahlt er oder sie an Steuern. Das gilt in Deutschland zwar bei den Gehältern, nicht aber bei den Vermögensverhältnissen. Das ist ein großes Problem. Mit der Initiative „Tax Me Now“ wollen wir das anprangern und ändern.

Was entgegnen Sie Leuten, die sagen: „Tax Me Now“ ist nur ein PR-Gag reicher Erben, die danach immer noch reich sind?

Mit steigender Bekanntheit wächst immer auch die Kritik. Mir persönlich ist die Öffentlichkeitsarbeit prinzipiell unangenehm und bloßstellend. Ehrlich gesagt: Am liebsten würde ich auch dieses Interview nicht geben, einfach ruhig mein Leben führen. Ich mache das, weil ich etwas verändern möchte.

„Keine Steuererhöhungen“ steht klar im Ampel-Koalitionsvertrag. Die FDP hat sich also durchgesetzt, Christian Lindner möchte „privates Kapital entfesseln“. Trotzdem spricht SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert von einem Fenster bei der Erbschaftsteuer, das sich vielleicht noch auftut.

Ich hoffe trotzdem, dass die Liberalen einsehen, dass Steuereinnahmen erhöht werden müssen, nicht zuletzt wegen des Themas Rentenfinanzierung. Das ist eine tickende Zeitbombe. Das Ironische ist ja eigentlich, dass wir theoretisch sehr hohe Steuern haben, auch für Hochvermögende. Aber unser Steuersystem ist wie ein Schweizer Käse: lauter Löcher, überall Ausnahmen. Vermögende können sich die Anwälte und Steuerberater leisten und diese Ausnahmen voll ausnutzen. Das Netzwerk Steuergerechtigkeit hat herausgefunden: Wer in Deutschland 30 Wohnungen erbt, zahlt volle Erbschaftsteuer. Wer 300 oder mehr Wohnungen erbt, gilt als Wohnungsunternehmer und zahlt null Erbschaftsteuer.

Angenommen, es gäbe eine wirksame Vermögenssteuer in Deutschland. Schaffen die Reichen ihr Vermögen dann nicht ins Ausland?

Am besten wäre es, man würde sich weltweit auf eine Mindestvermögenssteuer einigen. Genau wie sich die G7 Länder vergangenes Jahr auf eine globale Mindestbesteuerung von 15 Prozent für große Unternehmen geeinigt haben – immerhin! Steuerflucht von Familien, denen Deutschland zu „sozialistisch“ wird, gibt es ohnehin auch heute schon. Das kann man aber eindämmen, etwa mit der bereits existierenden „Exit tax“ für Firmen, die ihren Steuer-Sitz verlegen. Außerdem: Große Vermögen bestehen ja zum großen Teil aus Immobilien und Firmenbeteiligungen, die kannst du nicht einfach in einen Koffer packen und weggehen. Sogar in der Schweiz gibt es eine wirksame Vermögenssteuer – es funktioniert also in anderen Ländern!

Grundproblem: Wer zahlt gerne Steuern?

Ich denke: Wenn ein Staat effizient ist*, und du das Gefühl hast, für dein Geld auch was zu bekommen – funktionierende Krankenhäuser, Züge, Straßen – dann zahlst du gerne deine Steuern. Ich habe sehr viel mit Vermögenden über dieses Thema gesprochen. Ja, die hassen Steuern wie der Teufel das Weihwasser. Ich glaube trotzdem, man kann auch sie mit einer Art Kompromiss abholen.

Nämlich?

Vorschlag: Es gibt eine Vermögens- und Erbschaftsteuer, die wirklich greift. Dann nimmt man dieses Geld und gründet damit einen Staatsfonds wie etwa in Singapur oder Norwegen. Die Förderbank KfW wäre dafür sehr gut geeignet, die hat das entsprechende Investment-Knowhow. Jedem volljährigen Bürger könnte damit Zugang zu Grundlagen wie Bildung und Wohnraum garantiert werden, dazu gibt es eine gute Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Forscher sagen, dass gleichere Gesellschaften für alle besser funktionieren.

Wie viel Ungleichheit ist noch gerecht?

Es gibt die Schätzung des DIW, dass zehn Prozent der Deutschen 65 Prozent des Vermögens besitzen. Die Daten sind allerdings unscharf, was politisch so gewollt ist. Dahinter steckt gute Lobbyarbeit. Ich finde, bei so einem wichtigen Thema müssen wir als Gesellschaft genau wissen, wie viel Vermögensungleichheit es in Deutschland gibt. In Skandinavien funktioniert das. Meine Faustformel: Es wäre fair, die 65 Prozent schrittweise auf 40 Prozent zu reduzieren. Gut 25 Prozent des Vermögens sollten umverteilt werden. Das wäre keine schlechte Idee. Die Reichen könnten danach immer noch reich sein.

Die Initiative „Tax me now“

Drei Erben und Unternehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Vermögen im mehrstelligen Millionen- oder Milliardenbereich finden, dass sie ungerecht wenig Steuern zahlen. Sie haben sich der Initiative „Tax Me Now“ (auf deutsch: Besteuert mich jetzt) angeschlossen, die zu mehr Vermögensgerechtigkeit beitragen will.

Die Initiative ist mit ihrer Gründung im Februar 2021 noch recht jung. International gibt es mit der Vereinigung „Millionaires For Humanity“ oder den US-amerikanischen „Patriotic Millionaires“ bereits ähnliche Gruppen von Superreichen, die in ungleicher Vermögensbesteuerung ein globales Problem sehen.

Tax Me Now sammelt einer aktuellen Online-Petition Unterschriften, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Dazu gehört unter anderem die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die Begrenzung von Ausnahmen für Betriebsvermögen und anderen Sonderregelungen bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer, progressive Steuersätze bei der Kapitalertragssteuer und striktere Regeln gegen Steuervermeidung und -hinterziehung* und bessere Ausstattung der Steuerbehörden. 

*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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