Schwarzarbeit boomt weiter in Deutschland

- Hamburg - Meldungen über deutsches Wirtschaftswachstum sind selten geworden. Allein die Schattenwirtschaft boomt hier zu Lande. Experten erwarten in diesem Jahr erneut fast sechs Prozent Plus bei der Schwarzarbeit - entgegen dem Trend in fast allen anderen Industrienationen.

 <P>Ökonomen sind sich einig, warum das einstige Wirtschaftswunderland seit Jahren vor allem bei der illegalen Beschäftigung einen Spitzenplatz einnimmt: Steuern und Abgaben belasteten legale Arbeit überproportional, Anreize für Schwarzarbeit gebe es zuhauf.</P><P>"Arbeit ist in Deutschland im internationalen Vergleich sehr teuer und die Märkte sind überreguliert", sagt der Schwarzarbeitsforscher Friedrich Schneider von der Universität Linz. "Die Politik schläft seit Jahren und hat den Faktor Arbeit immer teurer gemacht." Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat errechnet, dass Unternehmen am Standort Deutschland steuerlich wesentlich stärker belastet werden als in anderen Industrienationen. </P><P>Hier zu Lande müsse ein Arbeitgeber fast 200 000 Euro im Jahr aufwenden, wenn ein Arbeitnehmer nach Steuern und Abgaben ein Einkommen von 100 000 Euro haben soll. In den USA sind es knapp 153 000 Euro, in Teilen der Schweiz weniger als 130 000 Euro.</P><P>Auf deutschen Baustellen und im Tourismus beschäftigen daher immer mehr Firmen Mitarbeiter am Fiskus vorbei. "Schwarzarbeit ist einer unserer ärgsten Feinde", sagt Stefan Bormann, der in Hamburg einen Fliesenfachbetrieb mit 18 Mitarbeitern betreibt. Im Hotel- und Gaststättengewerbe ist jeder vierte Beschäftigte nicht korrekt gemeldet, wie eine bundesweite Razzia Anfang September ergab. Kein Wunder, meinen Fachleute, schließlich koste eine Stunde Schwarzarbeit im Schnitt 20 Euro, eine ordnungsgemäß abgerechnete Arbeitsstunde dagegen 50 bis 70 Euro. Wer regulär arbeitet verdient zudem mitunter nur wenige Euro mehr, als er vom Arbeitsamt bekommen würde.</P><P>Die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg rechnet in diesem Jahr "auf jeden Fall" mit einem Anstieg illegaler Beschäftigung. 2002 waren in 315 000 Fällen Ermittlungsverfahren eingeleitet und insgesamt 127,5 Millionen Euro Bußgeld verhängt worden. Nach Schneiders Prognose wird die Schattenwirtschaft in Deutschland in diesem Jahr ein Volumen von 370 Milliarden Euro erreichen - nahezu ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das nach Einschätzung mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute stagnieren wird.</P><P>Während in fast allen anderen Industrienationen der Anteil der Schwarzarbeit am BIP in den vergangenen fünf Jahren zurückging, legte er in Deutschland stetig von 14,9 auf 16,8 Prozent zu. Selbst das Bundesfinanzministerium spricht von einem "alarmierenden Niveau" und mahnt: "Schwarzarbeit ist kein Kavaliersdelikt, sondern handfeste Wirtschaftskriminalität, die dem Gemeinwesen schweren Schaden zufügt." Der jährliche gesamtwirtschaftliche Schaden durch entgangene Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge erreicht nach Expertenschätzungen mindestens zweistellige Milliardenbeträge.</P><P>Doch inzwischen halten zwei Drittel der Deutschen laut Umfragen Schwarzarbeit für ein Kavaliersdelikt. "Heute herrscht das Gefühl vor, Schwarzarbeit sei das Korrektiv des kleinen Mannes: Dort kann er sich vom Staat etwas zurückholen", erläutert der Geschäftsführer des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW), Harald Strotmann.</P><P>"Die Menschen sind durchaus bereit, einen Teil ihres Einkommens dem Staat zu überlassen", betont Schattenarbeitsexperte Schneider. "Aber mehr als 30 bis 40 Prozent sollten es nicht sein." Doch die Steuer- und Abgabenlast ist in Deutschland laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) deutlich höher: Bei Singles etwa waren es im vergangenen Jahr 51,3 Prozent des Bruttoeinkommens.</P><P>Der Mainzer Wirtschaftsprofessor Rolf Peffekoven, einst einer der fünf Wirtschaftsweisen, ist überzeugt: "Wenn wir in Deutschland Steuern und Lohnnebenkosten nicht deutlich senken, werden wir die Schattenarbeit nicht eindämmen können." Auch IAW-Experte Strotmann betont: "In Ländern mit geringeren Steuern wie den USA oder der Schweiz ist auch das Volumen der Schattenwirtschaft geringer."</P><P>Das Credo der meisten Ökonomen ist eindeutig: Steuern und Abgaben runter, Arbeitsanreize rauf - etwa durch Einstiegsgeld für Langzeitarbeitslose und Bürokratieabbau wie bei den Minijobs. Es bedürfe vor allem "mutiger Reformen", damit das Potenzial der Schattenwirtschaft endlich der offiziellen Wirtschaft zugute komme, meinen die Experten. Doch die Erfolgsaussichten sind düster: Nach einer aktuellen, repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern" bezweifeln 68 Prozent der Deutschen, dass die Bundesregierung ihre Reformpläne etwa bei den Sozialsystemen und auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen wird.</P>

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