„Schwarzer Schwan“ hält Märkte unter Schock

München - Wege aus der europäischen Staatsschuldenkrise versuchte Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel bei einem Vortrag in München aufzuzeigen. Vor einem Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone warnt er.

Märkte hassen nichts mehr als Unsicherheit. Sie reagieren darauf hektisch, planlos, sehr häufig irrational. Der brutalstmögliche Auslöser solcher Unsicherheit ist ein Schock-Erlebnis, das der libanesische Philosoph Nassim Taleb als „Schwarzer-Schwan-Ereignis“ populär gemacht hat: etwas, was außerhalb der gängigen Vorstellungskraft der Marktteilnehmer liegt, aber dann, wenn es eintritt, grundstürzende Wirkung entfaltet. Die Finanzwelt hat in nur zwei Jahren zwei solcher Schock-Erlebnisse zu verkraften gehabt: erst 2008 die für unmöglich gehaltene Pleite eines Bankhauses wie Lehman und dann, in zeitverzögerter, aber direkter Folge, die europäische Staatsschuldenkrise mit der plötzlich real gewordenen Gefahr, dass ganze Länder fallen wie Dominosteine.

Die Deutsche Bundesbank fühlt den Marktakteuren den Puls, indem sie akribisch alle verfügbaren Daten sammelt: Risikoaufschläge auf Anleihen, die von Geschäftsbanken bei der EZB gebunkerten Geldbestände, der Preis für Kreditausfallversicherungen. Der Befund, den Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel jetzt im Hotel „Bayerischer Hof“ auf Einladung des neu gegründeten Finanzausschusses des Wirtschaftsbeirats der Union vortrug, war eindeutig: Die Finanzmärkte arbeiten noch immer im Schock-Modus. Auch der zuletzt für neu emittierte Anleihen des Bundes erzielte Negativzins sei ein klares „Krisensignal“.

Nagel hält vor dem Hintergrund der noch immer labilen Stimmung den von etlichen Ökonomen empfohlenen Austritt Griechenlands aus der Eurozone für hochriskant: „Was, wenn’s schiefgeht?“ Die Folgen wären, so der in der Bundesbank für den Bereich „Märkte“ zuständige Vorstand, „unkalkulierbar“. Das Kunststück zur Lösung der Krise bestehe darin, den Druck auf die Schuldensünder zur Sanierung der Staatsfinanzen aufrechtzuerhalten, ohne die Märkte in neue Turbulenzen zu stürzen.

Den von Bundeskanzlerin Merkel auf dem Brüsseler Gipfel durchgesetzten „Fiskalpakt“ zur Verankerung nationaler Schuldenbremsen in den EU-Ländern begrüßte Nagel in diesem Zusammenhang, warnte aber vor voreiligem Jubel: „Der Fiskalpakt muss jetzt mit Leben erfüllt werden. Die Schuldenbremsen müssen in nationales Recht überführt werden, ohne dass dabei zu viele Ausnahmen zugelassen werden.“ Nur wenn es effektive Durchgriffsrechte auf – etwaige fehlgeleitete – Politiken der nationalen Regierungen gebe, könne der Pakt den Weg in eine Europäische Fiskalunion ebnen. Der Bundesbankvize stellte aber klar: „Ich will das Erreichte nicht kleinreden. Vieles ist in kurzer Zeit gestemmt worden.“

Keine Lösung der Krise sieht Nagel hingegen in dem Ansatz, die Europäische Zentralbank zum Ankauf von immer mehr Staatsanleihen der bedrängten Schuldenländer zu bewegen. Schon jetzt habe die EZB Anleihen für 220 Milliarden Euro angekauft. An den Märkten beginne der positive Effekt des Anleiheanlaufprogramms bereits zu verpuffen. Die Krise könne nicht von der Notenbank gelöst werden, sondern nur von ihren Verursachern selbst – den Staaten. Immerhin, auch diese Botschaft hatte der Referent mitgebracht: „Die Krise kann gemeistert werden.“

Auch gängigen Befürchtungen, die billionenschweren Finanzspritzen der EZB für die Geschäftsbanken würden letztlich die Inflation anheizen, trat der Bundesbankvorstand entgegen. Alle vorliegenden Daten belegten, dass das Geld nicht in die Realwirtschaft fließt und dort die Preise aufbläht, sondern von den Banken als Liquiditätspuffer bei der EZB deponiert wird. An ihrer Inflationserwartung von 1,8 Prozent für 2012 hält die Bundesbank fest.

Nagel rief die europäische Politik dazu auf, ihre Kakophonie zu beenden: „Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien gegen den Euro. Aber wir müssen unsere Währung besser verkaufen.“ Denn wenigstens im „Marketing“ ihrer Währungen Dollar und Pfund seien die Angelsachsen besser als die Europäer.

Georg Anastasiadis

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