Schwerkranke müssen Therapiepausen nicht hinnehmen

- Seit Juli fahren die Krankenkassen einen neuen Sparkurs: Rezepte für Krankengymnastik, Massagen, Wärme- oder Elektrotherapien sind für Patienten nun noch schwerer zu ergattern. Chroniker und Schwerkranke, die ständige Behandlung brauchen, sollten eigentlich verschont werden. Doch offenbar halten sich nicht alle Kassen daran: Manchen Kranken traf bereits die Hiobsbotschaft, dass er eine Zwangspause einlegen muss, bevor die Kosten wieder übernommen werden. Betroffene können sich wehren.

<P>"Das ist eigentlich gar nicht zulässig", erklärt Wolfgang Schuldzinski, Gesundheitsexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Schwerkranke wie Schlaganfall- oder Multiple-Sklerose-Patienten sollten gerade keine Unterbrechung ihrer Ergo- oder Sprachtherapie hinnehmen müssen. Für diese Ausnahmeregelung bei den Heilmittel-Kürzungen hatten Patientenverbände vehement gekämpft. "In der Praxis versuchen einige Kassen aber willkürlich weiter zu streichen", weiß auch Mechthild Kern, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten.</P><P>Dreh- und Angelpunkt ist dabei folgende Vorgabe: Wer seine Dauertherapie fortsetzen will, muss eine schriftliche Begründung seines Arztes vorweisen können. Das geht formlos. Auf dem Rezeptvordruck sind dafür einige Zeilen schon vorgesehen. Diese so genannte "Verordnung außerhalb des Regelfalls" muss dann zur Genehmigung bei der Krankenkasse eingereicht werden. Und da liege der Knackpunkt, meint Kern: Das Genehmigungsverfahren werde häufig dazu genutzt, "vom Schreibtisch aus einfach abzulehnen".</P><P>Bei "windiger" Ablehnung Widerspruch einlegen</P><P>Inzwischen hat sich bereits eine Art Zweiklassen-System für Kassenpatienten herauskristallisiert. Wer bei einer Ersatzkasse wie der Techniker Krankenkasse, bei Barmer oder DAK versichert ist, braucht eine Zwangspause nicht zu fürchten. Diese Kassen verzichten mittlerweile komplett auf das Genehmigungsverfahren bei Chronikern und Schwerkranken, wie Beate Wiegard, Sprecherin des Verbands der Angestellten Krankenkassen und Ersatzkassen, betont. Schwerkranke Mitglieder der AOK und anderer Kassen müssen den Angaben zufolge dagegen weiter um Genehmigung bitten.</P><P>Was nur die wenigsten Betroffenen wissen: Während sie auf ein offizielles Okay warten, dürften sie ihre Dauerbehandlung nahtlos fortsetzen. Die Kasse muss die Kosten dafür übernehmen - so lange, bis ein Bescheid da ist. Auch im Falle einer Ablehnung muss sie die schon aufgelaufenen Therapiekosten übernehmen. Patienten sollten deshalb zur Genehmigung nicht ihr Originalrezept einreichen, sondern nur eine Kopie. Das Original sollte beim Therapeuten abgegeben werden, damit der später auch sein Geld von der Kasse bekommt, so der Tipp der Verbraucherschützer von Stiftung Warentest.</P><P>Wird der Patient zur Zwangspause verdonnert, sollte er auf keinen Fall klein beigeben, ermuntert Kern zur Gegenwehr. "Windige" Ablehnungen, wie sie beispielsweise von der AOK Hessen verschickt werden, mit dem Hinweis, das ärztliche Attest reiche zur Weiterbehandlung nicht aus, müssten nicht hingenommen werden. Auch Vorschläge, die Ergotherapie könne zwischenzeitlich von der Pflegeperson mitübernommen werden, müssten nicht akzeptiert werden.</P><P>Versicherte können gegen eine Ablehnung Widerspruch einlegen. Und zwar innerhalb von vier Wochen. Das geht mit einem Brief an die Krankenkasse und dem Hinweis auf die Ausnahmeregelung in den Heilmittelrichtlinien. "Nicht abwimmeln lassen, sondern kämpfen", rät Kern. Die Chancen stünden gut.</P>

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