Ein schwimmendes Umspannwerk

Dass zur Energiewende mehr gehört als ein paar Windräder und Solarpanels, ist längst klar. Wie schwierig der Umstieg auf erneuerbare Energien tatsächlich ist, lässt sich derzeit in einer Werft in Wismar beobachten. Ein Besuch.

Man kann sich nicht vorstellen, dass dieses Stahlungetüm schwimmen soll. „Doch“, sagt Michael Suhr, „das ist im Grunde ein Schiff – nur ohne Maschine und Ruder.“ Suhr muss es wissen. Jahrelang ist er selbst zur See gefahren, bevor er Anfang des Jahres bei Siemens anheuerte. Ein Seemann beim Münchner Industriekonzern. Und doch sieht das, was hier in der Nordic-Yards-Werft gebaut wird, eher wie ein mittelgroßer Wohnblock aus: 35 Meter hoch, 70 Meter breit, 50 Meter lang, grau lackierter Stahl.

Suhr beaufsichtigt hier an der Ostseeküste den Bau der „HelWin1“, einer Offshore-Plattform für die Nordsee. Doch statt wie mit ähnlichen Plattformen nach Öl und Gas zu bohren, sollen mit der HelWin1 Windräder vor der Küste Helgolands an das deutsche Stromnetz angeschlossen werden. Denn der umweltfreundliche Strom, der 85 Kilometer vor der Küste gewonnen wird, muss erst einmal an Land transportiert werden. Dafür muss der von den Windrädern produzierte Wechselstrom auf der Plattform in Gleichstrom umgewandelt werden. Würde man den Wechselstrom direkt auf den Weg zur Küste schicken, käme kaum etwas an – die Verluste auf der Strecke wären zu groß. Bei Gleichstrom ist das anders. Die HelWin1 ist quasi ein schwimmendes Umspannwerk. Was einfach klingt, ist technisch kompliziert. Denn die Energiemenge, die auf HelWin1 umgewandelt werden muss, ist gewaltig – bis zu 576 Megawatt lassen sich damit ins Netz einspeisen, genug, um bis zu eine Million Drei-Personen-Haushalte zu versorgen – wenn die Plattform irgendwann fertig ist.

Genau da liegt das Problem. Eigentlich sollte die HelWin1 in diesen Tagen bereits aus der Werft geschleppt werden. Doch noch immer wird geschweißt und lackiert. Die großen sogenannten Konverterhallen im Inneren der Plattform, wo die Siemens-Technik stehen soll, die die eigentliche Umwandlung des Stroms erledigt, sind noch leer. Auch an den Kabinen für das Personal wird noch gearbeitet. Bis zu 20 Mitarbeiter können hier in zweier Kajüten übernachten – auch wenn der künftige Betreiber, das niederländische Unternehmen Tennet, eigentlich ohne festes Personal auf den Plattformen auskommen will.

Bei Siemens hat man sich das deutlich einfacher vorgestellt, einen Windpark auf hoher See an das Stromnetz anzuschließen. „Das ist Pionierarbeit, die nicht ganz problemfrei abläuft“, sagt Tim Dawidowsky, der zuständige Abteilungsleiter. Das ist eine Untertreibung. Weil die insgesamt vier beauftragten Plattformen nicht rechtzeitig fertig werden, hat Siemens zuletzt sogar seine Gewinnprognose kassieren müssen. In nur zwei Quartalen musste der Konzern insgesamt rund 480 Millionen Euro abschreiben.

Siemens hat deshalb auch personelle Konsequenzen gezogen und den Leiter der zuständigen Division ausgetauscht. Abteilungsleiter Dawidowsky gibt zu: „Es ist unbestritten, dass dieses Geschäft unterschätzt worden ist.“ Zwar liege das auch an den langen Genehmigungsprozessen, doch man habe auch den personellen Aufwand und die nötigen Qualifikationen der Mitarbeiter unterschätzt. Deshalb arbeiten jetzt auch ehemalige Seemänner wie Michael Suhr für Siemens. Auf knapp 300 Mitarbeiter wurde die zuständige Abteilung des Konzerns in Hamburg verdoppelt. Das Ziel ist klar: „Die Pionierleistung soll kein Selbstzweck sein, sondern das Geschäft soll irgendwann auch profitabel laufen“, sagt Dawidowsky. Denn Siemens sieht einen gewaltigen Bedarf. Allein in Deutschland soll bis 2025 15 Prozent des Stroms von Windrädern vor der Küste kommen, Großbritannien will sogar schon bis 2020 25 Prozent schaffen. Und fast alle Windparks werden eines der schwimmende Umspannwerke brauchen.

Philipp Vetter

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