Nur sein hohes Alter rettete Leo Kirch vor der Verhaftung

- München - Die spektakuläre Pleite der Kirch-Gruppe ist nun endgültig auch zu einem Fall für den Staatsanwalt geworden. Gemunkelt wurde schon lange, dass kurz vor der Insolvenz der Kirch-Gesellschaften 2002, hohe Geldbeträge verschoben wurden, um sie vor dem Zugriff von Gläubigern in Sicherheit zu bringen. Nach Razzien bei angeblich sechs verdächtigen Kirch-Managern, darunter Leo Kirch selbst, nannte der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld dazu nun erstmals konkrete Summen: 60 Millionen Euro.

<P>"Das ist nur die Spitze eines Eisbergs", schätzt indessen ein Insider, dem zumindest einige fragwürdige Transaktionen unmittelbar vor den Kirch-Pleiten bekannt sind. So habe es nur sechs Tage vor der Insolvenz der Kirch-Media einen Darlehensrahmenvertrag über 170 Millionen Euro an Thomas Kirch (46) gegeben, den Sohn des 77-jährigen Konzerngründers. In Höhe von 154 Mio. Euro sei dieser interne Kredit auch noch ausgeschöpft worden, bevor die Kirch-Gesellschaften Pleite gingen. Solche Transaktionen sind laut Aktiengesetz prinzipiell rückholbar, selbst wenn sie Jahre vor der Insolvenz getätigt wurden. Das gilt vor allem, wenn nachgewiesen werden kann, dass Gelder in Kenntnis einer drohenden Insolvenz geflossen sind. </P><P>Insgesamt fordern die diversen Insolvenzverwalter der zahlungsunfähigen Kirch-Gesellschaften dem Vernehmen nach eine mittlere dreistellige Millionensumme zurück. Staatsanwalt Schmidt-Sommerfeld ist hier zurückhaltender. Der Verdacht gegen "eine größere Anzahl von Beschuldigten" beziehe sich zum einen auf Darlehensvergehen im Umfang von wenigstens 50 Millionen Euro und zwei Beraterverträge über zusammen acht Millionen Euro. Über größere Summen will der Staatsanwalt nicht spekulieren. </P><P>Den Verdächtigen, zu denen neben Kirch senior und junior angeblich auch der ehemaliger Stellvertreter Dieter Hahn sowie der Ex-Manager Klaus Piette zählen, werfen die Ermittler Untreue und Bankrottdelikte vor. Herbert Schroder, der Ex-Finanzchef von Kirch-Media, sei bei den jüngsten Razzien von 13 Objekten an drei Orten in Deutschland und der Schweiz sogar verhaftet worden, weil Fluchtgefahr drohe, bestätigte Schmidt-Sommerfeld. Als Ex-Finanzvorstand komme Schroder bei den strittigen Geldtransaktionen eine besondere Bedeutung zu. Ob es aber überhaupt zu einer Anklage kommt, könne angesichts der Fülle des beschlagnahmten Materials wohl nicht mehr in diesem Jahr entschieden werden. Ermittelt werde auch gegen Kirch-Intimus Joachim Theye. </P><P>Politiker sind diesmal<BR>nicht betroffen</P><P>Auf eine Verhaftung von Leo Kirch habe man aus Rücksicht auf dessen hohes Alter und die Tatsache, dass er fast blind sei, verzichtet, sagte der Staatsanwalt.</P><P>Bei den beiden beanstandeten Beraterverträgen handle es sich im übrigen nicht um Zahlungen an noch aktive Politiker oder Personen der Zeitgeschichte, betont Schmidt-Sommerfeld. Dieser Hinweis kommt nicht von Ungefähr. Bei der Durchsicht von Firmenakten nach der Pleite des Kirch-Imperiums sind in den vergangenen Monaten mehrere Geheimzahlungen an Politiker und andere Personen in Schlüsselpositionen bekannt geworden. Demnach hat Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl zwischen 1999 und 2002 für Beraterdienste jährlich umgerechnet rund 300 000 Euro von seinem Duz-Freund Leo Kirch erhalten. Der inzwischen verstorbene FDP-Politiker Jürgen Möllemann soll zwischen 1995 und 2000 rund zwei Millionen Euro von Pleitier Kirch bezogen haben. Auch im eigenen Haus war Leo Kirch spendabel, als er noch bei Kasse war. So sollen Kirchs ehemaligem </P><P>Sportrechtemanager Alexander Liegl, Konzernvize Hahn und Vorstand Klaus Piette kurz vor der Insolvenzwelle im Kirch-Imperium jeweils Darlehen von 1,0 bis 2,5 Millionen Euro erlassen worden sein. Die entsprechenden Schreiben seien auf 2001 rückdatiert worden, um eine Rückzahlung zu verhindern, heißt es. Die betroffenen Manager weisen das zurück. Auf diese Gelder hat jetzt der Staatsanwalt ein Auge geworfen. <BR><BR></P>

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