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Mit der Geste eines Siegers provozierte Josef Ackermann im Jahr 2004 beim Mannesmann-Prozess in Düsseldorf. Unter ihm als Vorstandschef wurden jene Geschäfte getätigt, für die Deutschlands größtes Geldinstitut heute noch bluten muss.

Deutschlands größtes Geldinstitut in der Dauer-Krise

Wie die Deutsche Bank vom Kurs abkam

Frankfurt - Die Deutsche Bank stand einmal für Verlässlichkeit. Doch seit Jahren leidet Deutschlands größtes Kreditinstitut unter einem schlechten Ruf – und noch schlechteren Zahlen. Was lief da schief? Eine Spurensuche.

155 Meter hoch sind die zwei Glas-Türme an der Frankfurter Taunusanlage, Soll und Haben nennt der Volksmund das Deutsche-Bank-Hochhaus aus dem Jahr 1984. Als der Brandschutz 2008 nicht mehr ausreichte, entschied der Vorstand, die Türme zu entkernen, um Büros, Energieversorgung und Klimaanlage auf den neuesten Stand zu bringen. Kosten: 200 Millionen Euro. Soll und Haben sind jetzt Green Towers, grüne Türme, wie Josef Ackermann, damaliger Vorstandschef, bei der Wiedereröffnung 2011 stolz sagte.

Auf Sparkurs: Deutsche-Bank-Chef John Cryan. 

Ackermanns Nachfolger John Cryan wäre heute gerne schon da, wo Architekten und Ingenieure vor fünf Jahren angekommen sind: am Ende einer erfolgreichen Sanierung. Denn die Deutsche Bank steckt in der schwersten Krise seit ihrer Gründung am 10. März 1870 in Berlin. Das 125-jährige Bestehen wurde 1995 noch groß gefeiert – ob die Stimmung in vier Jahren, wenn das Institut auf 150 Jahre zurückblicken kann, ähnlich gut ist? Zweifelhaft.

Cryan, ein Brite, der die Bank seit Juli 2015 führt, hat kürzlich für das dritte Quartal einen Gewinn von fast 300 Millionen Euro präsentiert – statt eines hohen dreistelligen Millionenverlustes. Experten überraschte das, im Vorjahr machte die Bank nämlich ein gigantisches Minus von sieben Milliarden Euro. Vielleicht reicht es 2016 zu schwarzen Zahlen. Aber darauf legt der 55-Jährige mit dem kahlen Kopf und der sanften Stimme nicht wirklich Wert: Viel wichtiger wäre ihm, die Vergangenheit abzuhaken. Denn da liegt einiges im Argen.

Da ist vor allem der Skandal um windige Hypothekengeschäfte in den USA im letzten Jahrzehnt. Umgerechnet 12,8 Milliarden Euro fordert das US-Justizministerium. So viel will die Bank nicht zahlen, Cryan und seine Vorstandskollegen hoffen offenbar auf höchstens vier, vielleicht fünf Milliarden. Genau 5,9 Milliarden sind derzeit für die Begleichung von Streitfällen reserviert. Die Verhandlungen mit den Amerikaner sind schwierig. Offen ist, wie sich der designierte Präsident Donald Trump verhält: Die Deutsche Bank hat seinem Unternehmen übrigens Milliarden-Kredite eingeräumt, noch 2015 für das gerade in Washington eröffnete Luxus-Hotel Trump International.

Ungeklärt ist auch die Strafe beim milliardenschweren Geldwäscheskandal mit reichen Russen beim Ableger in Moskau oder die Folgen möglicher Schiebereien im Devisenhandel. 7800 Verfahren sind offen, das räumt die Deutsche Bank selbst ein. Mehr als zwölf Milliarden Euro hat sie seit 2012 zahlen müssen. Klaus Nieding, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, nannte das Geldhaus auf der Hauptversammlung 2014 eine „gigantische Rechtsabteilung mit angeschlossener Bank“.

Was ist da schiefgelaufen?

Abwärts-Trend: der Börsenkurs der Bank seit 2010.

Die Deutsche Bank war über Jahrzehnte eines der einflussreichsten Unternehmen in Deutschland. Sie steuerte die Deutschland AG, war an allen wichtigen deutschen Konzernen beteiligt. Für diesen Einfluss und das hohe Ansehen stand wie kein anderer Hermann-Josef Abs, der legendäre Nachkriegs-Chef der Bank. Aber auch seine Nachfolger waren in der Politik stets gefragte Ratgeber. Das galt ab 2002 zumindest noch für den größten Teil der Amtszeit von Josef Ackermann. Aber seit 2012 ist der Einfluss der Bank merklich geschrumpft – nicht nur, weil neben Jürgen Fitschen mit Anshu Jain ein Brite an der Spitze stand, der nur wenig Deutsch sprach. Viel entscheidender: Die Bank ist seitdem viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.

Der Aktienkurs ist abgestürzt. Mehr als 100 Euro waren es einmal, im Moment nicht einmal 15 Euro. Im September sackte der Kurs zeitweise sogar auf unter zehn Euro, die Dividende ist vorerst gestrichen. Spekulationen kamen auf, ob die Steuerzahler der Bank unter die Arme greifen müssen oder andere deutsche Konzerne der Bank beistehen sollten. Die Gerüchteküche brodelte, „Finanzkreise“ oder „mit dem Vorgang vertraute Personen“ wurden reihenweise zitiert. Die Bank schweigt dazu, bestätigt haben sich die Gerüchte selten. Aber die Krise ist unbestritten.

Mit deren Ursachen hat Cryan, der freundliche Brite, nichts zu tun. Genau aus dem Grund wurde er im Sommer 2015 überraschend an die Spitze gesetzt – vom Aufsichtsratschef und obersten Kontrolleur der Deutschen Bank Paul Achleitner, der übrigens gerade erst eine Affäre um manipulierte Referenzzinsen („Libor-Affäre“) halbwegs überstanden hat. Cryans Vorgänger Jain hatte zwar einen Kulturwandel angekündigt, doch davon war nichts zu spüren.

Soll und Haben, die Banktürme in Frankfurt. 

Die Wurzeln der dramatischen Talfahrt der Deutschen Bank reichen weiter zurück – bis ins Jahr 1989. Unter dem damaligen Vorstandssprecher Alfred Herrhausen entstand die Idee, die globale Präsenz der Bank und die globalen Geschäfte am Kapitalmarkt deutlich auszubauen. Herrhausen selbst konnte sie nicht umsetzen, er wurde Ende November 1989 von RAF-Terroristen in die Luft gesprengt. Seine Nachfolger Hilmar Kopper und Rolf Breuer setzten den Kurs aber durch – mit den teuersten Übernahmen in der deutschen Bankgeschichte. Fast 20 Milliarden D-Mark gab man für das britische Institut Morgan Grenfell und das US-Investment-Haus Bankers Trust aus. Schon damals waren Experten skeptisch, sie betrachteten die Übernahmen als zu teuer. Doch der Vorstand machte unbeirrt weiter.

Vermeintliche Top-Teams an Investmentbankern wurden engagiert. Dazu gehörte auch der Brite Anshu Jain, der später zum Chef der Investmentbank und 2012 zum ersten Mann der Deutschen Bank aufstieg. Anshu’s Army wurde zum Synonym für den massiven Einfluss von Jain auf die Geschäfte der Bank an internationalen Kapitalmärkten.

Es war Josef Ackermann, der diesem Kurs den Weg bereitet hatte. Er änderte die Führungsstruktur der Bank: Stets hatte der Vorstand aus seiner Mitte den Sprecher gewählt als Primus inter Pares – als Gleicher unter Gleichen. Ackermann setzte durch, dass ein Vorstandsvorsitzender die Bank leitete. Er verstärkte das weltweite Geschäft mit Anleihen und Aktien immer weiter, ließ den Investmentbankern unter Jain freie Hand. Finanzwetten auf steigende oder fallende Zinsen wurden kreiert und deutschen Kommunen als sichere Geldanlage verkauft. Dahinter stand ja die Deutsche Bank – die galt als Garant für Sicherheit. War sie aber nicht.

Bei der Erfindung neuer Finanzprodukte, wie etwa dem Zusammenpacken von Krediten zu neuen Wertpapieren, die weiterverkauft wurden, entwickelten die Investmentbanker blühende Fantasie – und sorgten erst einmal für satte Gewinne und fette Boni für das eigene Konto. Viele verdienten sogar mehr als Ackermann und die anderen Vorstände. Und auch die verdienten nicht schlecht.

Seine Strategie verteidigte Ackermann neulich: „Es war absolut richtig, ins Investmentbanking zu gehen.“ In wenigen Jahren sei die Sparte von fast null auf eine weltweite Spitzenposition gerückt. „Deutschland muss sich fragen, ob es eine große Sparkasse will oder eine globale Bank“, sagte er. Tatsächlich legten die Investmentbanker mit ihren windigen Produkten und verlustreichen Finanzwetten den Keim für die Milliardenstrafen, die die Bank seit Jahren zahlt und wohl noch länger zahlen muss.

Der Internationale Währungsfonds nannte das Geldhaus unlängst die gefährlichste Bank der Welt. Fällt sie, dann reißt sie viele andere Banken und Unternehmen wegen ihrer starken Vernetzung mit in den Abgrund. Eine neuerliche Finanzkrise wäre wohl unausweichlich.

Top-Manager vor Gericht: Ex-Deutsche-Bank-Chef Breuer (vorne rechts) im Münchner Kirch-Prozess. 

Ein vernichtendes Urteil fällt Dieter Hein, renommierter Finanzanalyst, der die Deutsche Bank seit 25 Jahren beobachtet. Er rechnet vor, dass die Investmentbanker für die Bank faktisch kein Geld verdient haben, sondern sie sogar geplündert hätten – indem sie selbst in Verlustjahren hohe Boni kassierten. Die Bank will frühere Vorstände deshalb nicht ungeschoren davonkommen lassen. Noch ausstehende Boni in Millionenhöhe liegen derzeit auf Eis, ausgezahlte Prämien will die Bank möglicherweise zurückholen – betroffen sind elf Ex-Vorstände. Allein bei Jain geht esBerichten zufolge um 5,3, bei Ackermann um 3,5 Millionen Euro.

Um Verluste auszugleichen und die vielen Strafen stemmen zu können, hat die Bank seit 2008 rund 30 Milliarden Euro an frischem Kapital eingesammelt. Und doch ist sie an der Börse heute gerade mal 20 Milliarden Euro wert. Damit gehört sie nicht einmal mehr zu den 100 wertvollsten Banken der Welt. Und selbst in Deutschland steht sie nur auf Platz 20 der Rangliste aller Konzerne.

Die unüberschaubare Flut von Rechtsstreitigkeiten markiert für die Bank einen neuen Tiefpunkt. In die Schlagzeilen war sie aber schon davor immer wieder geraten.

Etwa, als niemand merkte, dass die Deutsche Bank Mitte der 90er vom Immobilienspekulanten Jürgen Schneider auf banale und zugleich dreiste Art hinters Licht geführt wurde. Er gab falsche Zahlen an, als er mit der Bank einen Kredit für die neue Einkaufsgalerie Zeil in Frankfurt aushandelte, machte das Projekt größer, als es tatsächlich war. Ein Blick auf die Zeil direkt neben den Türmen Soll und Haben hätte genügt, um zu sehen, dass Schneider die Pläne gefälscht hatte. Die hohen Kredite konnte Schneider nicht bedienen – als hinterher Handwerker-Rechnungen über 50 Millionen Mark offen waren, bezeichnete Vorstand Hilmar Kopper diese als Peanuts.Der Gipfel der Arroganz.

Folgenschwer war auch das Fernseh-Interview von Rolf Breuer 2002, in dem er die Kreditwürdigkeit des Medien-Unternehmers Leo Kirch öffentlich anzweifelte – ein Tabu für jeden Banker. Kirch verklagte die Bank, viele Prozesstage später einigte man sich 2012 auf die Zahlung von gut 900 Millionen Euro. Auch der Mannesmann-Prozess brachte Häme über die Bank, obwohl er mit Freisprüchen endete. Ackermann stand neben anderen von 2004 bis 2006 vor dem Landgericht Düsseldorf, weil er angeblich bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafoneviel zu hohe Prämien gewährt hatte. Als Ackermann zu Prozessbeginn lachend mit einem Victory-Zeichen fotografiert wurde, war die Empörung groß – laut Ackermann war die Geste nur ein Scherz, eine Anspielung auf Michael Jackson.

Der Schweizer galt trotz allem lange als Glücksfall für die Bank, schließlich fuhr man mit ihm an der Spitze fast immer deutliche Milliardengewinne ein. Mittlerweile ist das Bild verblasst. Denn unter Ackermann wurden jene Geschäfte getätigt, für die die Bank heute bluten muss. Am Ende könnten es bis zu 20 Milliarden Euro Strafen und Prozesskosten sein – mehr, als die Bank über mehrere Kapitalerhöhungen von ihren Aktionären eingesammelt hat.

Die Konsequenzen der Krise müssen die Aktionäre, vor allem aber Tausende Mitarbeiter tragen. Chef Cryan fährt zwangsläufig einen strikten Sparkurs: 9000 Stellen werden bis 2018 gestrichen, davon 4500 in Deutschland. Fast 200 Filialen werden geschlossen und die 2010 für rund sechs Milliarden Euro übernommene Postbank wird wieder verkauft – auch das wird ein Verlustgeschäft.

Skandale, Rechtsstreitigkeiten, Sparzwang. Neue Kunden zu gewinnen, ist da nicht einfach. Und vielleicht wird es noch anstrengender: „Leider müssen wir davon ausgehen, dass die Lage noch eine Weile schwierig bleibt“, sagt Cryan. „Wir werden deshalb unseren Umbau beschleunigen und noch verstärken müssen.“

Immerhin: Die Gerüchte über eine Abwicklung oder gar Pleite der Deutschen Bank sind wieder verstummt, Finanzspritzen vom Steuerzahler vom Tisch. Dank des jüngsten Gewinns und auch, weil die Bank über liquide Mittel von mehr als 200 Milliarden Euro verfügt (eine Summe, die nichts mit dem Börsenwert zu tun hat). Allerdings sind die Risiken in den Büchern weiter beträchtlich: Obwohl die Bank den Bestand kritischer Finanzprodukte deutlich abgebaut hat, beziffern Beobachter das Volumen riskanter Papiere und Positionen immer noch auf 40 Milliarden Euro.

Die Türme Soll und Haben werden die schwerste Krise der Deutschen Bank wohl überstehen. Aber hinter der gläsernen Fassade muss noch lange geschuftet werden: Cryan will die drängendsten Probleme 2017 vom Tisch haben. Ein frommer Wunsch. 2020 soll es auf jeden Fall so weit sein. Ein wenig feiern will die Deutsche Bank ihr 150-Jähriges dann doch. In ihren längst sanierten Türmen.

von Rolf Obertreis

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