Selbst das "Örtliche" für Sylt kommt vom Starnberger See

- Kempfenhausen - Wer den Geschäftsführer des Keller Verlags in Kempfenhausen (Kreis Starnberg) von der Arbeit ablenken will, dreht seinen Schreibtisch um. Zu verlockend ist der idyllische Blick auf den Starnberger See, an dessen Ostufer sich seit 1952 der Dreh- und Angelpunkt des riesigen Telefonbuchverlags verbirgt. Für derlei Ablenkung hat Werner Oehring dort keine Zeit: Das Unternehmen spielt seit Jahrzehnten mit in der obersten Liga der Branche, beschäftigt bundesweit rund 400 Mitarbeiter und verlegt mehr als 85 Telefon- und Branchenverzeichnisse in Oberbayern und Thüringen.

<P>"Während der Buchstabe Z noch verkauft wird, wird das A schon gedruckt", gibt Oehring das Tempo vor. Kaum sind die letzten Anzeigen verkauft, laufen die Maschinen mehrerer Druckereien auf Hochtouren, damit Oberbayern und Thüringer Gelbe Seiten und Telefonbuch zeitig zur Hand haben. Und das, "obwohl viele immer noch nicht wissen, woher ihr Telefonbuch kommt", sagt Oehring, der als einer von insgesamt drei Geschäftsführern tätig ist. "Das hab ich doch von der Post, meinen viele. Aber die macht das schon lange nicht mehr."<BR><BR>1979 löste das Unternehmen als erster Verlag das Posthörnchen-Emblem ab. Im Zuge der Privatisierung verschwand das "Amtliche Telefonbuch" aus den Regalen. Es ist heute weiß und pink und heißt "Das Telefonbuch". Die Ideenschmiede am Starnberger See war schon immer einen Schritt wieter. Keller war der Erste, der Telefonbücher per elektronischer Datenverarbeitung herausgab - ein Meilenstein in der Unternehmensgeschichte, die vor 57 Jahren in Düsseldorf begann. Damals hatte die britische Militärregierung Josef Keller die Lizenz für eine Fachzeitschrift für Unterricht und Bildung mit dem Titel "Der Eisenbahner" erteilt.<BR><BR>Erholungsgrundstück am See für die Mitarbeiter<BR><BR>War es Vision? Oder war es Zufall, dass Josef Keller plötzlich auf ein neues Steckenpferd setzte, das die Erfolgsschiene einschlug? Er hatte sich von einem Verantwortlichen bei der Post 1956 zur Herausgabe des Örtlichen Fernsprechbuchs München verleiten lassen - als Telefone in Privathaushalten noch ein seltener Luxus waren.<BR><BR>Mit den Zahlen der Teilnehmer stieg der Bedarf an Verzeichnissen. Vor allem nach der Wende bot sich ein großer neuer Markt. "Telefonbücher, wie wir sie kennen, gab es dort nicht", sagt Oehring.<BR><BR>Heute arbeitet das Verlagshaus, das in dritter Generation von den Geschwistern Patrick und Nicola Keller geführt wird, als Dienstleister mit Verlagen und Werbepartnern in ganz Deutschland zusammen. Es publiziert Kataloge und Nachschlagewerke für die Musik- und Medienbranche ("Der Musikmarkt", "Handbuch der Musikwirtschaft") sowie verschiedene Online-Portale, bietet in Zusammenarbeit mit anderen Verlagen Suchmaschinen wie "www.dastelefonbuch.de" an und hat, so Oehring, "deutschlandweit bei jedem vierten Telefonbuch seine Finger im Spiel". <BR><BR>Sogar Sylts Inselbewohner suchen in Büchern aus dem Hause Keller nach Rufnummern.<BR>Ungeschlagenes Flaggschiff sind die Gelben Seiten für München. Mit diesen Werken in einer Auflage von rund einer Million versuchen Grafiker, Setzer, Medien-Designer, Sach- und Bildbearbeiter in den Filialen Kempfenhausen, München und Erfurt, den Menschen das Telefonieren leichter zu machen.<BR><BR>Weil das Unternehmen gute Kommunikation auch als Hebel zu mehr Motivation, Leistung und Erfolg ansieht, hält die Führungsetage die Mitarbeiter mit internen Zeitschriften auf dem Laufenden. Es stellt den rund 170 Kempfenhauser Mitarbeitern ein Erholungsgrundstück am See zur Verfügung und engagiert sich bei der Förderung von Jung-Unternehmern.<BR>Aus dem Erfolgsrezept des Verlagshauses am See macht Oehring kein Geheimnis. "Der Knaller ist die Kontinuität", sagt er salopp. Immer oben zu bleiben sei schwer, aber wie sich zeige, auch inmitten einer Welt aus Pleiten, Pech und Pannen machbar.<BR></P>

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